Ostern – Der Tod ist eine Illusion

 

Gottesdienst gehalten am Ostersonntag  27. März 2005 in der Tabor-Gemeinde

von Pfarrer Stefan Matthias

 

 

OSTEREVANGELIUM     Matthäus 28,1-10

 

28:1  Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.

 28:2  Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.

 28:3  Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.

 28:4  Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.

 28:5  Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.

 28:6  Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat;

 28:7  und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.

 28:8  Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.

 28:9  Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.

 28:10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: dort werden sie mich sehen.

 

PREDIGT

 

Liebe Gemeinde!

Wohin ist Jesus in seinem Tod gegangen? Wohin wird uns der Tod führen?

Was wir mit unseren leiblichen Augen sehen und mit unseren Händen begreifen können, zeigt uns, dass der Tod Vernichtung ist. Die Wärme des Körpers entschwindet und er wird starr. Die Person, mit der wir sprachen, mit der wir verbunden waren, sie ist verlöscht. Der Verstorbene, er liegt im Grab.

Die Frauen, die am Morgen des dritten Tages zum Grab Jesu gingen, auch sie waren davon überzeugt. Ihr geliebter Meister ist tot. Sie wollten ihm, wie es die Sitte gebot, einen letzten Liebesdienst erweisen, wollten seinen leblosen Körper salben.

 

Eine gewaltige Erschütterung, eine tiefgreifende, alles umwälzende Verwandlung muss wohl erst in uns geschehen, dass wir fähig werden über das rein materiell-körperliche hinauszuschauen, dass wir fähig werden zu erkennen: Das Grab ist in Wirklichkeit leer.

Auch wenn uns unsere leiblichen Augen dies sagen, dass dort der Verstorbene liegt, so sollten wir doch erkennen: Der Verstorbene ist nicht dieser Körper. Der Körper ist ein Aspekt der Wirklichkeit, die den Verstorbenen ausmachte, aber da ist mehr. Das, was wir nicht sehen können, dies ist wesentlicher und wirklicher, als das, was unsere Hände greifen können.

 

Solch eine tiefgreifende, erschütternde Erfahrung muss den Frauen an diesem Ostermorgen widerfahren sein. „Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben“ (Mt 28,2) heißt es bei Matthäus.

Von dieser inneren Umwälzung, die in den Frauen vorging, erzählt Matthäus wie von einer äußeren Begebenheit. Aber diese Erschütterung, die die Grundlagen unserer ganzen Welt, unserer Weltsicht erbeben lässt, diese Erschütterung ist nur dem Herzen offenbar. Es ist ein inneres Beben, eine innere Erschütterung und Umwälzung. An diesem Morgen öffneten sich den Frauen die Augen des Glaubens.

Augen, die hinausschauen können über das rein körperliche. Augen, die über die Grenzen von Leben und Tod hinausschauen können, die tiefer sehen können, ja die aus der Tiefe, die Gott selbst ist, die Welt zu sehen vermögen.

Diese neue Sichtweise wurde den Frauen durch einen Engel eröffnet.

 

„Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.“

 

Aus dem Himmel, aus der Tiefe der eigenen Seele, aus dem Bereich des Göttlichen geschah ihnen eine Berührung. In ihren Geist, der in seiner Wahrnehmung auf das Materielle ausgerichtet war, bricht die Wirklichkeit ein, die nicht mit Händen zu greifen ist. Ein Moment der Intuition, der den Geist öffnet und eine tiefere Sichtweite ermöglicht.

Das bisher verschlossene Grab, in dem der Verstorbene liegt, es zeigt sich den Frauen in ihrer Vision plötzlich offen und leer. Niemand ist in diesem Grab. Niemand ist gestorben. Der Tod erweist sich als Illusion.

Eine Vision, die für alle Gräber gilt: Sie sind alle leer. Der Verstorbene ist dort nicht. Der Verstorben ist nicht tot, er ist schon längst auferstanden. Wir sind es, die an dem Bild des Todes festhalten, aber die Auferstehung hat schon längst stattgefunden.

 

Und die Frauen gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. (Mt 28,8.9)

 

Im Grab ist Christus nicht zu finden. Aber als sich die Frauen umwandten, als sie ihren Blick vom Bann des Todes lösten, da begegneten sie ihm mitten auf ihrem Weg. Und so kann auch uns Christus heute noch auf allen Wegen und zu allen Gelegenheiten unseres Lebens begegnen.

Der Tod kann letztlich die schöpferische Kraft Gottes nicht einschränken. Und dies ist ja Gottes Wesen, dass er jeden Augenblick das ganze Universum aus dem Nichts ins Dasein treten lässt. Das absolute Nichts, das Dunkel, der völlige Stillstand und Tod wäre ja das selbstverständliche. Unser Staunen über unser Hiersein, über das Dasein des Lebens und des Universums ist letztlich Staunen über die Auferstehung, über die überfließende Schöpferfreude Gottes die sich als Leben und Welt manifestiert.

In seinem Sterben ist Christus zurückgekehrt in diese ewig-schöpferische göttliche Wirklichkeit: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“

Denn dies gilt für Christus und uns in gleicher Weise: Daß wir eine wunderbare Manifestation der schöpferischen Wirklichkeit sind, der Wirklichkeit, die in jedem Augenblick aus dem Nichts dieses ganze Universum erschafft.

Wir sind nicht dieser Körper. Die sichtbare Welt, unser Körper, dies ist das Instrument auf dem Gott seine Schöpfungssymphonie erklingen lässt. Das Instrument für sich ist wertlos. Beseelt wird es allein durch den schöpferischen Geist, der darauf spielt. Dieser schöpferische Geist ist unser Leben, und dieser schöpferische Geist ist nicht begrenzt auf unseren Körper, sondern dieses Leben umfasst und durchdringt das ganze Universum. In einer großen Symphonie sind wir eines von unzähligen Instrumenten. Christus und auch wir alle, sind in unserem Wesen dieses schöpferische Leben, das alles durchdringt und beseelt, ein Leben, das nicht begrenzt ist durch unseren Körper, ein Leben das nicht begonnen hat mit unserer Geburt und das nicht mit unserem Tod endet.

In unserem Tod sterben nicht wir, sondern stirbt die Illusion eines abgetrennten, begrenzten, für sich seienden Wesens, stirbt die Illusion unseres Ich, das sich mit dem Körper identifiziert. Dies sollten wir wissen: wir sind nicht dieses Ich, das sich auf den Körper begrenzt hat, wir sind nicht diese Persönlichkeit, die geboren wurde und die im Tod stirbt.

Unser Ich, unsere endliche Persönlichkeit, sie ist lediglich ein Werkzeug, ein Hilfsmittel, das sich das Leben für sein Schöpfungsspiel geschaffen hat. Wir sollten uns nicht mit dem Werkzeug verwechseln. Wir sollten es benutzen, aber uns nicht damit identifizieren.

Die Botschaft von der Auferstehung will uns daher nicht in unserer illusionären Hoffnung bestärken, dass unser Ich, unsere kleine Persönlichkeit doch noch irgendwie über den Tod hinaus bewahrt wird. Unsere Hoffnung auf eine unbegrenzte Fortdauer unseres Ich ist ja nichts anderes als ein hartnäckiger Rest von Egoismus und Selbstzentriertheit. Wenn uns die Botschaft von der Auferstehung sagt, dass der Tod eine Illusion ist, dann sagt sie uns auch gleichzeitig, dass unser Ich, dass die Bewahrung unseres Ichs eine Illusion ist. Über diese Illusion hinauszugehen, dazu sind wir herausgefordert und dies macht das Wesen des Glaubens aus. Denn wie tief und wie echt ist unsere Hingabe, unsere Selbsthingabe und unser Vertrauen in Gott, wenn wir es nicht wagen uns selbst loszulassen, um uns ganz in unseren Grund, in die göttliche Tiefe einzulassen?

Und so gehört dies zu der Erschütterung des Ostermorgens, zu dem Beben, das uns eine neue Sicht der Wirklichkeit eröffnet, unbedingt dazu: dass wir die Illusion eines abgetrennten Ich aufgeben, dass wir unsere Selbstzentriertheit aufgeben und uns völlig loslassen und anvertrauen. In solchem Loslassen öffnet sich unser Geist und wird für die Osterwirklichkeit empfänglich.

Und dann wird sich plötzlich unserer Geist der Intuition öffnen, die uns dies erfahren lässt: Unser Leben ist unbegrenzt, es hat nicht begonnen und es wird nicht enden, denn wir sind eins mit der schöpferischen göttlichen Wirklichkeit. Und die Auferstehung ist nicht etwas vergangenes, sondern sie ereignet sich jetzt, in diesem Augenblick. Sie geschieht im Gesang des Vogels ebenso wie in der aufbrechenden Blüte, im Kommen und Gehen unseres Atems ebenso wie im Wechsel von Tag und Nacht.

Das Leben Christi und unser Leben, es hat keine Grenze. Und wenn wir unsere Begrenzung hinter uns lassen, wenn wir unsere Begrenzung auf unseren körperlich-materiellen Aspekt überschreiten, dann auferstehen wir zu einem grenzenlosen Leben.

 

Diese Einsicht, dass in den Gräbern in Wirklichkeit der Verstorbene nicht zu finden ist, drückt ein Gedicht aus, das Antoine de Saint-Exupérie zugeschrieben wird:

 

Steh' nicht an meinem Grab und weine.

Ich schlafe nicht. Ich bin tausend Winde die wehen.

Ich bin der Diamantenglanz auf dem Schnee.

Ich bin das Sonnenlicht auf reifem Korn.

Ich bin der warme Herbstregen.

Wenn Du aufwachst, in der Morgenstille,

bin ich der Flügelschlag der stummen Vögel,

die über Dir ihre Kreise ziehen.

Ich bin die sanften Sterne, die Nachts leuchten.

Steh' nicht an meinem Grab und weine.

Ich bin nicht dort. Ich bin nicht tot.

 

Unser Leib, so könnten wir sagen, ist unbegrenzt. Jetzt schon im Leben und ebenso zeigt es sich im Vergehen unseres begrenzten Körpers. Die Erde bildet unsere Knochen, das Wasser der Ozeane fließt in unseren Adern, die Hitze der Sonne ist die Wärme unseres Körpers. Wir bestehen in Allverbundenheit und in unserem körperlichen Tod kehren wir in den allumfassenden Leib des Lebens zurück.

Und auch unser Geist, das Leben, das unseren Körper beseelt, es ist unbegrenzt. Dieses Leben, das sich in unserem Körper ausdrückt, es ist das gleiche Leben, das sich am Anfang des Universums als Urknall entfaltete, das sich zu Atomen organisierte, zu Molekülen und dann zu organischem Leben. Dieser schöpferische Geist entfaltet sich in den Galaxien genau so wie in den kleinsten Lebewesen, er entfaltete sich in uns genau so wie in allen anderen lebenden Wesen. Wir sind dieser schöpferische Geist, der niemals stirbt, sondern der sich in unendlicher Variation in immer neue Gestalten kleidet.

Lassen wir uns wie die Frauen an diesem Ostermorgen von dieser tiefgreifenden Erschütterung erfassen, einem Beben, das unsere illusionären Ansichten über uns und die Wirklichkeit ins Wanken bringt und zusammenstürzen lässt. Erwachen wir an diesem Ostermorgen zu der Einsicht, dass die Gräber leer sind, dass er Tod eine Illusion ist. Aufstehen wir mit Christus zu einem Leben, das weder Anfang noch Ende hat. Amen

 

GEBET und STILLE     Wir sammeln uns in Gebet und Stille

 

Wir kommen zur Ruhe, lösen uns aus Gedanken und Vorstellungen.

Jetzt, in diesem Augenblick ist der Auferstandene mitten unter uns.

Christus aufersteht in unser Leben.

In jedem Atemzug, der in uns aus dem Nichtsein, aus dem Dunkel der Verborgenheit, aus der Stille hervorbricht aufersteht Christus, der ewige Atem, der uns bewegt.

In jedem Geräusch, das aus der Stille hervorbricht, aufersteht Christus, er ist der Gesang des Vogels, das Rauschen von Wasser und Wind.

In jeder Bewegung des sich erneuernden Lebens aufersteht Christus, in den Blättern und Blüten des Frühlings,

er ist das alldurchdringende Leben, das unser Herz pulsieren lässt.

 

Wir gehen in die Stille, in der alles in uns schweigt und lassen uns vom schöpferischen Geist Gottes, der alles neu macht durchwehen.

 

Wir gehen in die STILLE

 

Lasst uns gemeinsam mit den Worten Jesu Christi beten:  Vater unser im Himmel. …

 

Pfarrer Stefan Matthias

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