Ostern – Auferstehen aus der Dunkelheit in das Licht

 

Gottesdienst gehalten in der Osternacht am 26. März 2005 um 22 Uhr in der Tabor-Gemeinde

von Pfarrer Stefan Matthias

 

OSTER-EVANGELIUM     Matthäus 28,1-10    

 

Aber spät am Sabbat, in der Dämmerung des ersten Wochentages, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um das Grab zu besehen.

Und siehe, da geschah ein großes Erdbeben; denn ein Engel Gottes kam aus dem Himmel herab, trat hinzu, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.

Sein Ansehen aber war wie der Blitz und sein Kleid weiß wie Schnee.

Aber aus Furcht vor ihm bebten die Wächter und wurden wie Tote.

Der Engel aber begann und sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht, denn ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.

Er ist nicht hier, denn er ist auferstanden, wie er gesagt  hat. Kommt her, seht die Stätte, wo der Herr gelegen hat, und geht schnell hin und sagt seinen Jüngern, dass er von den Toten auferstanden ist. Und siehe, er geht vor euch hin nach  Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.

Und sie gingen schnell von der Gruft weg mit Furcht und großer Freude und liefen, es seinen Jüngern zu verkünden.

Als sie aber hingingen, es seinen Jüngern zu verkünden, siehe, da kam Jesus ihnen entgegen und sprach: Seid gegrüßt! Sie aber traten zu ihm, umfassten seine Füße und warfen sich vor ihm nieder.

Da spricht Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin, verkündet meinen Brüdern, dass sie hingehen nach Galiläa, und dort werden sie mich sehen.

 

PREDIGT      Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

 

Liebe Gemeinde!

 

Wir kommen aus der Dunkelheit und gehen in das Licht.

 

Es ist noch Nacht als die Frauen sich aufmachen.

Alle Hoffnungen, die sie hatten, sind zerbrochen. Ihr geliebter Meister ist elend am Kreuz gestorben. Sie trauern. Jetzt wollen sie ihm noch den letzten Liebesdienst erweisen, sie wollen ihn salben.

 

Wir kommen aus der Dunkelheit. Wir wissen nicht woher wir kommen. Irgendwann beginnt unsere Erinnerung. Davor ist Dunkel. Wir treten in die Welt ein. Wir entdecken, was sich uns im Licht dieser Welt zeigt. Voller Neugier, voller Lebenslust, die Welt und das Leben sind ein großes Abenteuer voller Geheimnis und Magie.

Aber dann Schatten. Wir erfahren, wenn wir älter werden, dass wir sterben werden. Wir altern und gehen schließlich wieder in das Dunkel. Wir verlieren nahe und geliebte Menschen. Der Tod bedroht uns und niemand wird ihm entgehen. Das Geheimnis und die Magie des Anfangs weichen und die Angst und die Sorge kommen. Wir versuchen vielleicht einen Aufstand gegen den Tod. Aber er ist unbesiegbar. Wir werden von ihm schließlich fortgenommen.

Sicherlich, es gibt den Tod, der nicht sein muss. Es gibt den Tod, der von uns Menschen selbst gemacht ist. In unserer Angst nehmen wir ja letztlich lieber den Tod des anderen in Kauf als uns selbst hinzugeben. Unser Hunger ist uns näher als der Hunger des anderen. Jesus hat versucht, sich nicht von dieser Angst beherrschen zu lassen. Wer dies tat, der war für ihn schon tot, auch wenn er noch lebte.

 

Wir leben in Dunkelheit und sehnen uns nach dem Licht. Wie können wir befreit werden aus unserer Angst?

Nicht wirklich hilfreich sind falsche Erwartungen. Dass da von außen sozusagen jemand käme und uns einfach befreit aus unserer Angst, aus dem Rachen des Todes.

Gerne lassen wir uns zu Illusionen angesichts des Todes verführen. Die Jünger und die Frauen haben geglaubt, dass Jesus der Messias ist, der mit Macht Gottes Reich auf dieser Welt aufrichten wird. Der dem sinnlosen Tod, der allem Leid endlich ein Ende machen wird. Der einen neuen Himmel und eine neue Erde erschaffen wird, in der der Tod nicht mehr sein wird. Aber der Himmel blieb stumm als Jesus in die Verlassenheit schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“

Anstatt aus der Dunkelheit schnell zu fliehen in scheinbar helle Phantasien, sollten wir lernen diese Dunkelheit anzunehmen. Können wir sie annehmen, unsere Dunkelheit? Gehört sie nicht zu uns, unsere Vergänglichkeit? Ist sie nicht ein unablösbarer Teil unseres Hierseins, unseres Lebens? Können wir unsere Angst umarmen, anstatt in Panik fortzulaufen? Können wir wieder anfangen zu vertrauen, dem Dunkel vertrauen? Wir sind doch aus ihm gekommen. Es ist ja der Ursprung unseres Lebens und Daseins. Liegt nicht die Quelle des Lebens genau in diesem Dunkel? Und hieße Glauben nicht, sein Leben immer wieder neu aus dieser Quelle erstehen lassen, die im Dunkeln verborgen ist?

Das jedenfalls, was den Frauen als Licht an diesem Ostermorgen aufgeleuchtet ist, dieses Licht liegt nicht diesseits der Dunkelheit. Das Licht des Ostermorgens kommt von jenseits der Dunkelheit. Es ist nicht einfach das Licht dieser Welt, sondern es ist das Licht Gottes in unserer Welt.

Mitten in dem Dunkel, das die Frauen umfing, mitten in ihrer Ausweglosigkeit, in ihrer zerbrochen Hoffnung geschah plötzlich etwas.

 

„Da kam ein Engel Gottes aus dem Himmel herab, trat hinzu, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.

Sein Ansehen aber war wie der Blitz und sein Kleid weiß wie Schnee.“

 

Mitten in der Dunkelheit leuchtet das Licht Gottes auf. Wie ein Blitz fährt es hinein in die Dunkelheit, plötzlich und grell. Plötzlich stehen wir in einem anderen Licht. Licht nicht von dieser Welt, sondern Licht vom ungeschaffenen Licht.

In diesem Licht bewegt sich der schwere Stein, der einem den Weg versperrt. In dieser Erleuchtung des Herzens wird alles, das wie Blei auf unserer Seele liegt, zersprengt. In diesem Licht ist plötzlich nichts mehr wie es zu seien schien. In diesem Licht sind wir nicht mehr einfach nur dieses sterbliche, vergehende menschliche Wesen und Gott ist nicht mehr einfach nur der ferne, unerreichbare Schöpfer. Der Tod ist nicht einfach das Ende des Lebens und die Geburt ist nicht einfach der Beginn des Lebens. Der Baum ist nicht länger einfach nur ein Baum, und die Materie ist nicht einfach nur ein lebloses Ding, bewegt von gleichgültigen Naturgesetzen. Alle unsere vorläufigen Vorstellungen davon, wer wir selbst sind und was diese Welt ist, wer Gott ist und was Leben und Tod sind, alle diese menschlichen Ideen werden überstrahlt von einer unaussprechlichen Erkenntnis. In diesem überlichten Licht verschwinden alle harten Gegensätze, von Leben und Tod, von Gott und Mensch, von Leid und Glück, von Verzweiflung und Hoffnung, von Sinn und Sinnlosigkeit, von Gut und Böse. Es ist alles ganz anders, als wie immer dachten, beglückend anders aber auch erschreckend anders. Die Erde, auf der wir so vermeintlich sicher stehen, bebt.

 

„Der Engel aber begann und sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht, denn ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.

Er ist nicht hier, denn er ist auferstanden, wie er gesagt  hat. Kommt her, seht die Stätte, wo der Herr gelegen hat.“

 

In diesem Licht des Engels ist das Grab Jesu leer. Im Licht unserer natürlichen, weltlichen Erkenntnis liegt in diesem Grab nach wie vor der Leichnam Jesu. Aber im göttlichen Licht des Engels, durch das wir erleuchtet sind, sehen wir, dass dieses Grab und auch alle anderen Gräber leer sind. Letztlich ist niemand gestorben. Letztlich wurde niemals jemand geboren. Das Dunkel am Anfang und am Ende unseres Lebens ist nur Dunkelheit für uns, die wir mit vergänglichen Augen schauen. Im Licht Gottes, in das uns der Engel umhüllt, ist diese Finsternis unserer Herkunft und unseres Endes hell wie der lichte Tag. Und in diesem Licht sehen wir: wir selbst sind dieses ungeschaffene Licht. Seit Ewigkeit waren wir es vor aller Geburt. Und wir werden es immer sein durch alles Vergehen und durch jeden Tod hindurch. Und im Osterlicht erkennen wir: Auch jetzt sind wir nichts anderes als Licht vom ungeschaffenen Licht, ja die ganze Schöpfung ist nichts anderes als das aufstrahlende Licht Gottes. Das ewige überlichte Licht Gottes, er lässt es wie durch ein Prisma aufleuchten und es verwandelt sich in unendliche Farben und Gestalten. Und alle Gestalt und Farbe und Erscheinung ist nichts anders als ein verkleideter, als ein im Schöpfungsglück tanzender Gott. Und wir selbst waren nie etwas anderes, sind nichts anderes und werden niemals etwas anderes sein: Eine Verkleidung Gottes, in der er sein Leben zum Ausdruck bringt. Eine ewige Wandlung in der niemand anderes als Gott selbst stirbt und aufersteht in jedem Augenblick.

Ostern, so sagt man wird der Tod ausgelacht. Aber im Osterlicht erkennen wir, dass es in Wirklichkeit keinen Tod gibt.

Besser also wir lachen über uns, die wir so verblendet waren und nicht sehen konnten, dass unser Leben nicht enden kann, weil es ja Gottes eigenes Leben ist.

Besser wir lachen über uns, über unsere eigene Angst, die uns so lange gefangen genommen hat, die uns gelähmt hat, die uns selbstbezogen und blind werden ließ.

Lachen wir also herzlich über uns selbst, dass wir uns so lange täuschen ließen.

Und lassen wir uns von der Freude erfüllen in der Gott selbst jeden Augenblick aus dem Dunkel des Nichtseins dieses wunderbare Spiel der Farben und Formen hervorstrahlen lässt. Und er tut dies sicherlich mit einem gewaltigen Lachen, das das ganze Universum durchdringt. Amen

 

GEBET und STILLE       Wir sammeln uns in Gebet und Stille

 

Wir kommen zur Ruhe, lassen unsere Gedanken still werden und treten ins Schweigen ein.

Wir vertrauen uns an der Stille, der Nacht, dem Dunkel. Lassen uns zurückkehren in der Ursprung.

Geben uns zurück in das Dunkel der Gottheit.

Mit jedem Ausatmen geben wir uns dem schöpferischen Ursprung zurück.

Und in der Dunkelheit und Stille öffnen wir uns für das Licht, das jenseits der Dunkelheit scheint.

Wir öffnen uns für das Licht, das in das Nichts hinein aufleuchtet.

Mit dem Einatmen lassen wir uns neu erschaffen aus der unendlichen Schöpferkraft Gottes.

Aus dem Dunkel und der Stille des Todes auferstehen wir mit Christus in ein neues Leben.

Jetzt in diesem Augenblick aufersteht Gott in uns, er erschafft er uns aus dem Nichts und nimmt uns hinein in den nie endenden Tanz seines Lebens.

 

Wir gehen in die STILLE

 

Lasst uns gemeinsam beten: Vater unser im Himmel. …

 

Pfarrer Stefan Matthias

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