Weihnachten – Gott liebt die Welt

Gottesdienst gehalten am 24. Dezember 2004 in der Tabor-Gemeinde

von Pfarrer Stefan Matthias

 

 

PREDIGTTEXT Johannes 3:16 und 1 Joh 4,9.16

 

So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die ihm vertrauen, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. (Joh 3,16)

 

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.

Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat.

Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (1 Joh 4,9.16)

 

 

PREDIGT

 

Liebe Gemeinde!

 

„So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn sandte, damit alle, die ihm vertrauen das ewige Leben haben.“ Johannes 3:16

Gott liebt diese Welt. Er hat sie nicht nur geliebt, vor Jahren vielleicht und dann hat er die Welt sich selbst überlassen. Nein, Gott hört nicht auf die Welt zu lieben. Er kann nicht anders, denn Gott ist die Liebe, wie wir ebenfalls von Johannes gehört haben.

Liebe ist sein Wesen. Und er kann sich nicht anders ausdrücken als liebend. In der Weihnachtszeit und zum Epiphanias-Fest machen wir uns dies klar. Wir sagen daher, dass Weihnachten das Fest der Liebe ist. Weihnachten öffnen wir uns dieser Dimension unserer Welt und unseres Lebens.

Vielleicht haben wir dies das ganze Jahr über vergessen: dass Liebe das einzige Fundament unseres Lebens und unserer ganzen Welt ist, dass alles aus der Liebe heraus geboren wird. Vielleicht sehen wir sonst vor allem das andere: dass unser Leben ein Kampf ist. Dass unser Leben unerfüllt ist, dass Menschen und Schicksal ungerecht sind, dass Mangel herrscht, dass die Sehnsucht ins Leere läuft, dass unsere Liebe, dass unsere Anstrengung nicht gewürdigt wird, dass wir unruhig sind, dass die Sinnlosigkeit uns droht einzuholen, dass wir nicht verstehen und nicht verstanden werden. Ja, mit dem allen gehen wir Tag ein Tag aus um. Und all dies kann uns vergesslich machen. All dies kann uns so sehr in Anspruch nehmen, dass das Wichtigere, dass das Grundlegendere, dass das Allernächste aus dem Blick gerät.

Und daher versuchen wir uns im Advent aus diesem allen, wodurch uns der Blick für das Wunderbarste und Wichtigste versperrt wird, zu lösen. Wir machen uns auf mit Maria und Joseph, mit den Hirten von den Feldern und mit den drei Weisen aus dem fernen Land des Sonnenaufgangs. Wir lassen zurück, was uns so vertraut und geläufig ist, unseren Alltag, unsere Enttäuschungen, unsere Müdigkeit, unsere eingespielten Rituale.

Unser Herz sagt uns: das ist nicht alles, du hast etwas aus dem Blick verloren, mach dich auf, um es wieder zu finden, vergeude die Zeit deines Lebens nicht in Vergeblichkeit. Geh nicht einfach auf in dem Offensichtlichen, in den Sachzwängen, in der Routine. Wenn unser Herz so zu uns spricht, dann hat uns eine Botschaft Gottes erreicht, ein Engel hat uns berührt, das Licht des Gottessternes leuchtet auf wie einst Maria und Joseph, den Hirten und den Weisen aus dem Orient.

Aber wie können wir dort hinkommen, nach Bethlehem? Wie können wir dort hin gelangen wo der Liebe zwischen Gott und Mensch und allem Geschöpf keine Grenze gesetzt ist?

Wir können wir in diese Erfahrung kommen, dass Gott die Welt und uns schon immer und erst recht auch jetzt liebt? Dass er sich verströmt und hingibt, bevor wir uns ihm zuwenden? Dass er überfließt und nichts zurückhält, auch wenn wir uns abwenden? Gott ist ja nicht abhängig von unserem Vermögen oder auch Unvermögen. Es ist ihm gleich. Er lässt die Sonne scheinen über Böse und Gute und er lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte, wie es Jesus sagte (Mt 5,45). Alle ohne Ausnahme stehen unter Gottes Segen und seiner Liebe.

Die größte Empfänglichkeit für diesen Segen und diese Liebe ist dort, wo die größte Armut ist. Wenn wir uns für reich halten oder wenn wir uns an dem, was wir als unser eigen erachten, als unseren Besitz und Reichtum verstehen, festhalten, dann werden unsere Augen und unser Herz womöglich verschlossen bleiben.

Von der Armut und von der Hingabe des empfangenen Reichtums erzählt uns die Weihnachtsgeschichte und die Geschichte von den drei Weisen aus dem Orient. Maria und Joseph, sie hatten kein Geld für eine Herberge. Die Hirten, sie gehörten zu den Mittellosesten. Ohne festen Wohnsitz, dem Wetter und den Umständen ausgesetzt. Und die Astrologen aus dem Orient, sie gaben ihren Reichtum weg, sie legten ihn Gott zu Füßen. Was sie hatten, das erachteten sie nicht als ihr eigen, sondern sie sahen es als Eigentum Gottes an.

Vielleicht sind wir selbst auch mittellos. Aber äußere Besitzlosigkeit allein ist nicht die Eintrittskarte ins Reich der Liebe. Sie macht es einfacher. Aber es geht um mehr. Es geht wesentlich um geistliche, um innere Armut. Das Herz muss leer werden.

Können wir noch einmal dahin kommen zu erkennen, dass wir im Grunde völlig mittellos und arm sind? Können wir erkennen, dass alles was wir sind und haben, nicht wirklich uns gehört? Können wir erkennen, dass wir in unserem Wesen völlig leer sind und dass alle Fülle uns jeweils von Außen zukommt. Alles, was wir sind und haben ist Geschenk. Was haben wir mitgebracht als wir in diese Welt eintragen? Was besitzen wir in diesem Augenblick, von dem wir wirklich sagen könnten, dass es bleibendes Eigentum von mir ist?

Nehmen wir unsere Kleidung? Woher kommt sie? Wem gehört sie wirklich? Baumwolle oder auch Wolle. Wir haben sie von den Schafen genommen, wir haben sie von den Bäumen gepflückt. Wir haben sie empfangen. Wir brauchen sie, weil wir arm sind, weil wir selbst nichts haben. Unsere Nahrung, sie ist wunderbares Geschenk. Die einfachste Nahrung könnten wir nicht selbst produzieren. Die Kartoffel, das Getreide, die Erde lässt sie wachsen. Wir nehmen sie, weil wir arm sind und bleiben. Und unser Körper, von dem wir meinen er sei unser Besitz, er ist gebildet aus den Nahrungsmitteln. Alles, was wir als unseren Körper bezeichnen und woraus er besteht, das kommt von außen. Die Wärme des Körpers ist nicht unsere Wärme, sondern es ist die Wärme der Sonne in uns. Die Flüssigkeiten unseres Körpers, sie gehören nicht uns, sondern sie gehören den Meeren und Quellen und Wolken. Und das Feste unseres Körpers, es ist die Erde in uns.

Mit dem, was wir meinen für uns selbst zu haben, könnten wir nicht einen Augenblick überleben. Und andererseits: Nur wenn wir geben, dann können wir wieder neu nehmen. Wenn wir die Luft nicht ausatmen, die in unseren Lungen ist, dann wären wir bald tot. Wenn die Luft nicht von neuem eintreten kann, dann können wir nicht leben.

Wir sind völlig mittellos und arm. Aus uns selbst heraus können wir nicht einen Augenblick existieren. Nur weil alles andere da ist, bin ich auch hier. Die Welt und ich, das sind nicht zwei Dinge, sondern das ist ein unzertrennbarer Organismus. Und das ganze Universum wirkt so zusammen, dass ich in diesem Augenblick atme, dass mein Herz schlägt, dass ich höre sehe rieche, schmecke und empfinde. Ich kann dies alles nicht selbst machen. Es liegt völlig außerhalb meines Vermögens. Es geschieht mir, es ist ein unfassbares Wunder, dass sich mir ereignet. Ich werde mir geschenkt und der Schenkende ist niemand anderes als Gott.

Und das Leben, das sich in mir zum Ausdruck bringt, das ist das gleiche Leben, das sich als Baum zum Ausdruck bringt, das sich als Wind und Berg zum Ausdruck bringt, das sich in unendlichen Formen als Tier oder Pflanze zum Ausdruck bringt. Ein großes Leben in vielerlei Gestalt. Die einzelnen Gestalten, meine Gestalt, die mögen sich ändern, verwandeln. Aber das Leben, das in mir lebt, das wird niemals enden. Es ist ja Gottes eigenes Leben. Es ist ja die schöpferische Fülle, in der der unsichtbare Gott sich zum Ausdruck bringt. Es ist die Liebe, die überfließt und erscheint als Tier und als Pflanze, als Universum und als Atom und natürlich als Mensch.

Unser Hiersein und das Hiersein alles dessen, was wir erfahren, es ist alles andere als selbstverständlich, es ist Ausdruck der Herrlichkeit und der Liebe Gottes.

Wir vergessen dies. Wir fallen aus dieser Erfahrung der Liebe, die uns durchfließt und die sich gerade als der Mensch, der wir sind, zum Ausdruck bringt, heraus. Wir lassen uns Angst machen und lassen uns von der Sorge gefangen nehmen. Wir werden missmutig und werden neidisch und bitter. Wir vergessen zu danken und stellen dafür Ansprüche.

Wir schwimmen wir ein Fisch im Meer und klagen darüber, dass das wunderbare Wasser, von dem alle sprechen, nicht zu finden ist.

Warum klammern wir uns fest an unseren Vorstellungen und Sorgen, an unseren Ängsten und Erwartungen? Warum grenzen wir uns aus, aus dem Fluss der Liebe, dessen Teil wir sind?

Können wir aufwachen aus unseren Illusionen? Können wir, wenn wir den nächsten Atemzug nehmen, die Liebe Gottes realisieren? Können wir erfahren, wie unsere Armut in jedem Augenblick sich aus Gottes unerschöpflicher Fülle in Reichtum verwandelt?

Wenn ja, dann ist wirklich Weihnachten, dann kommt Gott zur Welt, dann ist Epiphanias, dann erscheint Gott. Denn dann erfahren wir uns als Tochter bzw. als Sohn Gottes. Wir erkennen, dass wir nichts anderes sind als ein lebendiger Ausdruck Gottes, der das gleiche Leben in allen Dingen ist. Dass das Leben in mir, auch das Leben in dir ist, im Baum und in den Tieren und in allem, was ich erfahre. Wir sind in Wirklichkeit nicht getrennt von allem anderen, sondern all das andere drückt sich ja durch Gottes Lebendigkeit in mir aus, als der, der ich gerade bin.

Wenn ich aus dieser Einsicht lebe, dann wird die Liebe, die in mir lebendig ist, nicht bei mir enden, sondern dann wird sie durch mich hindurch weiterfließen zu meinem Nächsten, sei es Freund oder Feind, sei er mir angenehm oder unangenehm, so wie dies damals im Leben Jesu wirklich wurde, so dass die Menschen sagten: hier begegnet mir Gott selbst.

Gott liebt diese Welt und er liebt uns. Daran kann es in Wirklichkeit keinen Augenblick Zweifel geben. Die Liebe Gottes ist der unerschütterliche Grund unseres Hierseins. Und Weihnachten, die Geburt Gottes findet jederzeit statt. Unser Herz weiß das. Unser zweifelnder Intellekt vergisst es.

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Vertrauen wir also unserem Herzen. Amen

 

Pfarrer Stefan Matthias

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