Der Innere Mensch

Gottesdienst gehalten zum Abschied am 23. Mai 2004 im Haus der Stille

Pfarrer Stefan Matthias

 

BEGRÜßUNG

 

16 Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch vergeht, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. 2 Kor 4, 16

16 Gott aber gebe euch Kraft nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen; Eph 3.16

 

Mit diesen Worten aus den Paulus-Briefen begrüße ich Euch herzlich zu diesem Gottesdienst, den wir heute am Sonntag vor Pfingsten (Sonntag Exaudi) feiern. Ich freue mich, dass ihr alle gekommen seid um mit mir gemeinsam diesen Abschied zu feiern.

Paulus spricht vom Inneren Menschen. Wir vergehen, unser äußerer Mensch vergeht, aber unser innerer Mensch wird von Tag zu Tag erneuert. Und Gottes Geist ist es, durch den wir stark werden sollen am Inneren Menschen.

Lassen wir uns stärken in diesem Gottesdienst. Öffnen wir uns für den Geist Gottes, der uns von Tag zu Tag erneuert, lassen wir den Atem allen Atems durch uns hindurchfließen. Lassen wir uns vom Geist Gottes hinausführen über alle Grenzen, hinaus über die Begrenztheit unseres äußeren Menschen, lassen wir uns führen in die Weite, in die Offenheit des inneren Menschen, und lassen wir uns vom Geist erfüllen mit der ganzen Fülle der Gottheit.

 

GNADENWORT  2. Korinther 4,16-18

 

16 Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch vergeht, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. 17 Denn unsre gegenwärtige kleine Bedrängnis, schafft uns ein eine über alle Maßen ewige Fülle an Herrlichkeit, 18 uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

 

PREDIGTTEXT  Epheser 3,14-19

 

14 Ich beuge meine Knie vor dem Vater, 15 von dem jedes Geschlecht in den Himmeln und auf Erden seinen Namen hat: 16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen; 17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe gewurzelt und gegründet seid, 18 damit ihr imstande seid, mit allen Heiligen völlig zu erfassen, was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist, 19 und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Fülle Gottes.

 

PREDIGT

 

Liebe Freundinnen und Freunde des Hauses!

 

Dass dieser Text des Paulus der Predigttext für den heutigen Sonntag ist, ist ein schöner Zufall. Im Gebet beugt Paulus seine Knie vor dem Gott, der der Ursprung und Vater aller Menschengeschlechter ist. Er bittet in diesem Gebet für die Empfänger dieses Briefes. Er bittet, dass sie stark werden am inneren Menschen. Gottes Geist soll aus der Fülle der göttlichen Herrlichkeit den inneren Menschen stärken. Aus dieser Stärke des inneren Menschen wächst der Glaube an Christus. Aus dieser Stärke des inneren Menschen wird der Mensch eingewurzelt und gegründet in der Liebe. Und aus der Stärke, aus der Lebendigkeit des inneren Menschen, erfasst der Mensch die Breite und Länge und Höhe und Tiefe. Durch den inneren Menschen erfasst, ja umfasst der Mensch alle Dimensionen des Universums. Und schließlich: durch den inneren Menschen erkennt er die Liebe des Christus und wird letztendlich erfüllt mit der ganzen Fülle Gottes.

Es ist gewaltiges, was Paulus hier über den inneren Menschen sagt. Wenn wir doch nur kräftig wären am inneren Menschen! Wir würden erfüllt werden mit der ganzen Fülle der Gottheit. Wäre doch der innere Mensch in uns lebendig. Wir würden die Breite und Länge und Höhe und Tiefe des Universums erfassen. Und der Glaube und die Liebe würden aus unserem inneren Menschen freigesetzt werden.

Ich kann mich diesem Gebet des Paulus nur anschließen. Dass wir alle durch den Geist Gottes stark werden am inneren Menschen, das ist auch mein innigster Wunsch. Dass wir ihn kennenlernen und entdecken, diesen inneren Menschen. Dass die Liebe wächst, dass der Glaube wächst, und dass wir schließlich erfüllt werden mit der ganzen Fülle der Gottheit. Nichts anderes war in den letzten Jahren mein Wunsch, als ich hier im Haus der Stille Kurse geleitet und Gottesdienste gehalten habe. Alles was wir hier im Haus tun hat dies als letztes Ziel: dass Menschen stark werden am Inneren Menschen, dass sie erfüllt werden mit der Fülle der Gottheit, dass sie ermächtigt und freigesetzt werden zur Freiheit und zur Liebe.

Und ich bin der tiefen Überzeugung, dass die Stille, in die wir die Menschen, die in das Haus der Stille kommen, einladen, dass diese Stille eine der hervorragenden Möglichkeiten ist, dass Menschen ihren inneren Menschen entdecken können. In der Stille, in der unsere Anstrengung, in der unsere Sorge und unser Tun und Machen zurücktritt, in dieser Stille fängt der Geist Gottes an zu wehen und er erweckt und stärkt den inneren Menschen, der sich so anfängt zu zeigen.

Was aber, so müssen wir jetzt doch fragen, ist dies eigentlich, der innere Mensch? Der innere Mensch ist das, was wir im innersten sind. Er ist das, gegenüber dem alles andere an uns sozusagen Außen ist.

Der äußere Mensch, so haben wir ja in dem anderen Wort des Paulus gehört, ist der Mensch, der vergeht. Es ist der sichtbare Mensch. Der äußere Mensch, das sind wir, insofern wir erscheinen. Das bezieht sich vor allem zuerst auf unseren Körper. Der gehört sicherlich zum äußeren Menschen. Aber wenn wir in die Stille gehen, dann können wir erfahren, dass noch viel mehr zum äußeren Menschen gehört. In der Stille, wenn wir anfangen uns selbst wahrzunehmen, lernen wir die anderen Aspekte unseres äußeren Menschen kennen. Da kommen uns in der Stille viele Gedanken, da kommen Erinnerungen, da kommen Gefühle, da kommen Absichten. All dies beginnen wir in der Stille wahrzunehmen.

Und wir können erfahren, dass all diese Dinge in unserem Geist kommen und gehen. Dies alles gehört zum äußeren Menschen. Es gehört in den Bereich des Vergehens. Jetzt erscheinen wir als dieser Gedanke, dann als dieses Gefühl, dann wieder als diese Erinnerung. In der Stille können wir dies alles als uns gegenüber erfahren. Wir sind innen und all dies ist außen. All dies kommt und geht, wir aber – wenn wir uns ganz nach dem nehmen, was wir in unserem Innersten sind – wir kommen nicht und wir vergehen nicht.

Der innere Mensch, das was wir im Innersten sind, das unterliegt nicht der Zeit. Dies, was wir in unserem Innersten sind, das hat auch keine Größe, es ist nicht ein Ding im Raum. Dies, was wir in unserem Innersten sind, können wir daher niemals sehen, wir können es nicht berühren, wir können es auch nicht durch Gedanken erfassen. Es ist vielmehr umgekehrt. Das was wir in unserem Innersten sind, das ist der Horizont, innerhalb dessen überhaupt etwas erscheinen kann. Und während alles, was erscheint und was wir benennen können entsteht und vergeht, bleibt der innere Mensch unbewegt. Der innere Mensch unterliegt nicht dem Werden und Vergehen. Der innere Mensch ist das, was wir immer sind, was wir immer waren und auch immer sein werden. Der Innere Mensch ist das, was wir nie verlieren können. Alles andere können wir verlieren. Gedanken, Gefühle, Erinnerungen. Und natürlich alles Materielle, Teile unseres Körpers oder auch Besitz. Der innere Mensch aber ist von uns untrennbar. Dies ist das einzige, was wir wirklich sind. Alles andere haben wir nur. Sicherlich, wir können den inneren Menschen vergessen – und allermeist haben wir ihn vergessen, - aber wir können ihn niemals verlieren. Gottes Fülle ist immer in uns, aber wir sind nicht da, wo wir dieser Fülle inne werden können, sondern wir sind im Außen.

Es stellt sich jetzt allerdings die Frage, wie wir dieses inneren Menschen inne werden können. Er ist ja immer anwesend und er ist das, was wir immer sind. Normalerweise aber sind wir der Überzeugung, dass wir der äußere Mensch sind. Wir halten uns für diese entstandene und vergehende Erscheinung. Vielleicht hoffen wir, dass wir noch etwas anderes sind, als diese vergehende Erscheinung unseres äußeren Menschen, vielleicht glauben wir daran. Aber oft genug sind wir nicht durch eine unmittelbare Erfahrung unseres inneren Menschen zu der Erfahrung gelangt, dass wir in dem, was wir im innersten und wesentlich sind, unvergänglich sind.

Allerdings, wir von uns selbst aus, von unserem äußeren Menschen aus, haben keinerlei Möglichkeit zu der Erkenntnis des inneren Menschen zu kommen. Kein Gedanke, den wir denken, kann ihn erfassen und keine Anstrengung, die wir unternehmen, kann uns zu ihm bringen. Nur dann, wenn wir plötzlich und überraschend, alle Gedanken loslassen, wenn alle eigene Anstrengung aufhört, wenn alle Ideen und Vorstellungen verschwinden, nur dann kann er sich uns plötzlich zeigen. In dem Augeblick, in dem wir uns selbst entfallen, insofern wir äußerer Mensch sind, genau dann sind wir plötzlich versetzt in den inneren Menschen.

Aber wir könnten dann nicht mit Recht sagen, dass wir selbst dies vollbracht hätten. Es war vielmehr der Geist Gottes, der uns über uns selbst hinaus geführt hat. Der Geist hat uns ergriffen und uns in unser wahres Sein versetzt. Jeder, der solche Erfahrung gemacht hat weiß, dass dies Gnade ist, dass dies ein nicht zu verdienendes Geschenk ist. Und auch jeder, dem nur ein winziger Teil dieser Gnade widerfährt, wird berührt von der Herrlichkeit Gottes und die ganze Fülle der Gottheit ist für einen Augenblick sein eigen.

In solchen Erfahrungen, in denen der Geist Gottes uns in den inneren Menschen versetzt, erwachen wir zu der unvergänglichen Dimension unseres Menschseins. Durch solche initiatischen Erfahrungen, in denen uns das Mysterium berührt und wir von der Wirklichkeit angesprochen werden, die nicht von dieser Welt ist, durch solche wunderbaren Erfahrungen wird der innere Mensch in uns gestärkt.

In solchen Erfahrungen wird unser Vertrauen darin gestärkt, dass wir mehr sind, als diese vergängliche Erscheinung. Wir werden gestärkt darin, dass das, was wir sind, das Unsichtbare ist und dass wir im inneren Menschen schon jetzt in der Fülle der Gottheit wohnen und dass diese Fülle der Gottheit beginnt uns ganz zu erfüllen.

Dort nun, wo wir anfangen uns in unserem inneren Menschen zu gründen, dort nun fängt eine wunderbare Verwandlung in unserem Leben an. Zum einen werden wir durch unseren inneren Menschen zur Freiheit ermächtigt. Wir stehen nicht mehr länger unter der „Knechtschaft der Mächte dieser Welt,“ (Gal 4,3) wie es Paulus ausdrückt. Wir erkennen und erfahren: wir sind mehr als das notwendige Produkt der Vergangenheit, wir sind mehr als die Konditionierungen unserer Gesellschaft, wir sind mehr als bloß triebgesteuerte Biomaschinen. Und dieses Mehr ist der innere Mensch. Dort, wo wir unsere Freiheit realisieren, ist der innere Mensch kräftig.

Und zum anderen werden wir durch unseren inneren Menschen zur Liebe freigesetzt. Nicht länger müssen wir notwendigerweise um uns selbst kreisen. Wir wissen aus der Erfahrung in der uns der Geist uns aus unserem äußeren Menschen herausgehoben und uns in den inneren  Menschen versetzt hat, dass dann, wenn wir uns verlieren, dass wir uns dann in Wahrheit finden. Und dies ist genau die Erfahrung der Liebe. Wenn wir unsere Grenze öffnen und den anderen sozusagen hineinlassen, dann erfahren wir in unserer Verbundenheit mit ihm, dass der andere unser wahres Selbst ist. In der Liebe, in der wir über uns hinausgehen und uns hingeben, finden wir uns selbst in umfassenderer und wesentlicherer Weise.

Und schließlich beginnt mit dem Starkwerden unseres inneren Menschen auch der Glaube an Christus zu wachsen. Die gleiche Fülle der Gottheit, die uns in unserem inneren Menschen erfüllt, die erkennen wir nun im Antlitz Christ wieder. Wenn wir uns das Leben Christ vergegenwärtigen, dann erkennen wir die Freiheit und die Liebe, die der innerer Mensch freisetzt, in seinem Leben wieder. Dadurch, dass Gott in unseren Herzen aufgeleuchtet ist, wie es Paulus sagt, werden wir erleuchtet zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi (2 Kor 4,6). Und so können wir schließlich dazu kommen zu sagen, dass der Christus das Ziel unseres Lebens ist, dass er das Bild ist, in das wir hineinverwandelt werden. Das ist das Ziel unseres Lebens, dass wir schließlich mit der gleichen Herrlichkeit Gottes erfüllt werden, die auch Christus erfüllt hat. Die Herrlichkeit, aus der heraus er gelebt hat und die er seinen Jüngerinnen und Jüngern geschenkt hat. Die Herrlichkeit, in der wir so eins mit Gott sind, wie Christus eins ist mit Gott. (Joh 17,22).

 

Das heißt allerdings nicht, dass ich den inneren Menschen bzw. die Freiheit und die Liebe, die die transzendente Wirklichkeit in einem Menschen freisetzt, nicht auch bei einem anderen Menschen als Christus erkennen kann. Für mich ist es so, dass ich auch auf dem Antlitz des Buddha und in seinem Leben, die Freiheit und die Liebe erkennen kann, die aus dem Erwachen zum inneren Menschen kommen. Im Buddhismus sagt man vielleicht nicht innerer Mensch, sondern man sagt Buddha-Natur oder auch Wahrer Mensch ohne Rang und Namen, aber es ist doch die gleiche Wirklichkeit gemeint. Oder ich kann in den wunderbaren Zeilen des Sufi-Mystikers Rumi die Anwesenheit dieser gleichen Wirklichkeit spüren. Oder ich sehe auf dem Angesicht von Sri Ramana Maharishi den Glanz der Freiheit und der Erlösung, die in ihm aus dem Strahlen des inneren Menschen hervorbricht.

Gottes Geist macht nicht halt an den Grenzen, die wir zwischen Menschen und Kulturen und Religionen ziehen. Überall auf der ganzen Welt erweckt er und stärkt er in Menschen den inneren Menschen, in dem er in seiner ganzen Fülle wohnt.

Und letztlich, so glaube ich, ist es nicht primär entscheidend, welcher Kultur oder Religion ich zugehöre, welcher Ideologie oder Weltanschauung ich mich zurechne. Dort wo der innerer Mensch erwacht, dort werden alle diese Unterschiede und Begrenzungen in Frage gestellt. Dort wo der innere Mensch erwacht, werde ich zur Freiheit ermächtigt und zur Liebe befähigt. Und alles an mir und meiner Herkunft, was meine Freiheit begrenzt und was mich zu einem Spielball von Ideologien und Mächten macht, wird entmachtet. Und alles, was mich eingrenzt und wodurch ich gefangen werde in mir selbst, so dass ich nur mich selbst sehe und um mich selbst kreise, das wird entgrenzt, so dass ich frei werde von mir selbst und ich offen werde für den anderen.

Dass das Haus der Stille auch weiterhin dies in das Zentrum seiner Arbeit stellt, dass in Menschen der innere Mensch erweckt wird, dass er gestärkt wird, so dass Menschen zur Freiheit ermächtigt und zur Liebe befähigt werden, das wünsche ich mir von Herzen. Amen