Suche und Durchbruch

Zur spirituellen Biographie von Martin Luther und Zen-Meister Hakuin

 

Vortrag gehalten am 7. Juni 2001 in der Philipp-Melanchthon-Kirche in Berlin-Neukölln

  

Einleitung:

 

Ich möchte heute hier Martin Luther und Zen-Meister Hakuin - zwei Menschen aus völlig verschiedenen Kulturkreisen – vorstellen. Ich möchte ihren spirituellen Werdegang umreißen, möchte ihre spirituelle Suche und ihren inneren Prozess den sie durchlaufen haben hier nachzeichnen.

Zwei Menschen aus völlig verschiedenen Kulturkreisen und doch, so wird sich zeigen, durchlaufen sie einen ganz ähnlichen Prozess, gibt es deutliche Parallelen.

Und vorab auch schon meine These, die ich verdeutlichen möchte: der Sucher auf dem Weg zum Heil, zur Erlösung folgt letztlich einem Weg, der in der Struktur seiner Seele vorgezeichnet ist - egal ob er im Japan des 18. Jahrhunderts oder im Deutschland des 16. Jh. lebt. Wer sich auf seine inneren Prozesse einlässt, der wird einen wenigstens ähnlichen Weg entlanggeführt.

Der Weg, der seelische Prozess, der zur Erlösung führt, er hat einen Verlauf, der vorgezeichnet ist, der also allgemeinmenschlich, der archetypisch ist. Es ist ein Prozess, in dem der Tod eine wesentliche Rolle spielt, in dem das Ich in gewisser Weise stirbt und aus diesem Tod wieder neu geboren wird.

 

 

Radikale Krise der Identität

 

Im Hinblick auf Luther und Hakuin, so wird sich zeigen, ist dieser seelische Prozess im wesentlichen eine Krise der Identität. Umbrüche in unserer Identität, in dem, wofür wir uns halten, womit wir uns identifizieren, was wir für Rollen erlernt und übernommen haben, welchen Status wir gesellschaftlich haben, gibt es viele in unserem Leben. Sie geschehen sozusagen fließend und stellen nicht unbedingt unser Ich-Sein als Ganzes in Frage. Aber es kann geschehen, dass die Frage nach dem, wer wir sind, in einer radikalen Weise aufbricht. Dies kann geschehen in Krisensituationen unseres Lebens, wenn die Kontinuität unseres Ich-Seins brüchig wird. Dann zeigt sich sozusagen die Grund- und Bodenlosigkeit über der unser Ich sich konstituiert. Wir sind mit dem Element des Nichts, des Vergehens und des Todes in unausweichlicher Weise konfrontiert. Es kann sich dann die Frage nach dem, wer oder was wir angesichts des Vergehens und des Todes sind in letzter Dringlichkeit stellen. Wer sind wir, bevor wir Ich sagen konnten? Wer sind wir jenseits unserer erlernten Rollen, Weltbilder, Begriffe? Wer sind wir, wenn der Tod uns unser Ich-Sein rauben wird?

Und so bricht die Frage auf, ob unser Menschsein, unser Ich-Sein, noch einen anderen Grund finden kann als diese Ausgeliefertheit an das Vergehen, an vergängliche Rollen, an den Körper, an andere Wesen und Dinge? Kann unser Menschsein sich sozusagen gründen in dem Grund, der aus dem Nichts des Todes es vermag neues Leben hervorzubringen? Oder anders gefragt: Kann unser Menschsein einen Grund in der transzendenten Wirklichkeit finden und aus dieser Gründung einen neue, eine gewandelte Identität erlangen? Letztlich ist es dies, was unsere beiden Hauptpersonen umgetrieben hat.

 

 

Suche  -  Um welche Suche geht es?

 

Diese Frage nach einer anders gegründeten Identität nun bricht bei unseren beiden Hauptpersonen auf als Suche. Die Suche ist sozusagen die Energie, die über den unbefriedigenden Status Quo hinaustreibt und zwar in einer sehr grundlegenden Weise. Ein Mangel ist spürbar, der sich nicht durch irgend etwas, das man sich aneignen, erkaufen oder erwerben kann, befriedigen lässt. Niemand kann einem das geben, was man benötigt. Der Mangel, der zur Suche treibt, ist nicht etwas, das irgendwie an uns wäre, und das man daher leicht verändern könnte. Der Mangel hat mit der Art und Weise unseres Selbst-Seins zu tun. Wir selbst sind sozusagen der Mangel und daher kann nur eine Verwandlung unserer Selbst diesen Mangel beheben.

Dieser Mangel, der zur Suche treibt ist damit verknüpft, dass die Identität in einer gewissen Weise verfestigt, versteinert ist, man steckt sozusagen in einer Sackgasse, in der es nicht mehr weiter geht. Ein Zustand, der ein tiefes Leiden mit sich bringt.

Und andererseits ist dieser Mangel auch das schmerzvolle Bewusstsein der Abwesenheit von etwas, das auf tragische oder auch unerklärliche Weise verloren gegangen ist, das aber andererseits unbedingt lebensnotwendig ist.

 

Diese Suche ist es, die Luther und Hakuin völlig gefangen nahm und die in der spirituellen Biographie vieler religiöser Persönlichkeiten eine entscheidende Rolle spielt. Hier fallen einem z. B. Paulus oder auch Augustin ein. Aber hier wäre z. B. auch Bill Willson, einer der beiden Gründer der Anonymen Alkoholiker, zu nennen.

 

 

Luther

 

Werfen wir nun eine Blick auf Luthers Entwicklung. Sein spiritueller Weg beginnt mit einer Erfahrung, die sein ganzes Leben bestimmen wird. In einem heftigen Gewitter, als wenig neben ihm ein Blitz einschlägt, gerät Luther in Angst und Schrecken vor einem plötzlichen Tod, so dass er ausruft: „Hilf du, St. Anna, ich will ein Mönch werden!“

An dieses Gelübde fühlt er sich gebunden und geht 14 Tage später ins Kloster. Dies war im Jahr 1505. Zu der Zeit war Luther 22 Jahre alt und er hatte gerade den Magistertitel erlangt. Er gibt sein Studium auf und wird, gegen den Willen des Vaters, Mönch. Es scheint, als war das Gewitter Auslöser für etwas, das schon länger in ihm gärte. Luther bekam so die Möglichkeit, sich aus der Einflusssphäre seines Vaters zu lösen, der bisher sein Leben dominierte und ihm seinen Lebensweg vorschrieb. Luther floh vor diesem väterlichen Zwang.

Aber zum anderen muss in ihm auch schon jene spirituelle Unruhe und Suche gewesen sein, von der ich vorhin sprach.

Vom monastischen Leben nämlich erwartet er genau diese Erfüllung, die Beruhigung seines Gewissens. „So bin auch ich einst Mönch geworden,“ sagt er zurückblickend, „dass ich durch Fasten, Gebet, Nachtwachen, mit welchen ich meinen Körper übel zurichtete, mein Gewissen befrieden könne. Aber je mehr ich schwitzte, desto weniger Ruhe und Frieden empfand ich, weil das wahre Licht den Augen entrückt war, ich ohne Glauben war.“ (Buri 31)

 

Die Grundfrage, in die sich Luthers spirituelle Suche kleidet lautet: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Oder anders gewendet: Wie werde ich vor Gott ein Mensch, den Gott liebt und annimmt, wie werde ich gerecht vor Gott?

 

Das Grundgefühl Luthers ist also etwa so zu charakterisieren: Er fühlt sich als ein verdammter, ungerechter, sündiger Mensch, der durch dieses Menschsein Gottes Zorn auf sich zieht. Gott war ihm - vor seinem Durchbruch - wirklich etwas furchtbares, Christus erschien ihm als unbarmherziger Richter. Luther erzählt einmal von seiner Klosterzeit, dass „wenn ich Christus gemalt sah, erschrak ich vor ihm wie vor einem Teufel.“ (Buri 63)

 

Das Kloster wird Luther zur reinsten Hölle. Wir wissen aus seinen Selbstzeugnissen, dass er sich in den Jahren um 1517 in einem spirituell furchtbaren Zustand befand. Immer wieder überfallen ihn heftige seelische Nöte, die er Anfechtungen nennt. Er sagt, dass in diesen Anfechtungen das Herz des Menschen nichts mehr spürt, „als habe ihn Gott mit seiner Gnade verlassen und wolle sein nicht mehr. Und wo er sich auch hinkehrt, sieht er nichts als bloßen Zorn und Schrecken. Aber solche hohe Anfechtung leidet nicht jedermann und versteht auch niemand, es sei den er hat sie selbst erfahren. Es gehören gar starke Geister dazu, solche Puffe auszuhalten.“ (Buri 62)

 

Wir sehen: Luther hat eine Identität, an der er in einer tiefen weise leidet, ein Schmerz, der nach Linderung sucht. Er befindet sich in einem Zustand, in dem man es nur Übergangsweise aushalten kann, oder man endet in Verzweiflung, findet nicht mehr dazu, dass das Leben lebenswert ist.  Alles ist Luther zur Frage geworden: Ob es Gott mit den Menschen, mit ihm gut meint und ob er jemals wieder einen lebenswerten Zustand erreicht, in dem er in Frieden ist mit sich mit Gott und der Welt.

 

 

Gerechtigkeit durch Werke

 

Mit allen Mitteln versucht nun Luther im Kloster, einen für sich erträglichen Zustand seines Ich-seins zu erlangen, ein ruhiges Gewissen zu erlangen und einen ihm freundlich zugewandten Gott zu bekommen.

 

Alle Heilsmöglichkeiten, die die Kirche bietet, nimmt er in Anspruch. Wir haben gehört, er war ein überaus eifriger Mönch, der sich nicht geschont hat. Vor allem versuchte er sich, durch die Beichte zu entlasten und tat alle die Werke, die ein frommes Leben vorschreibt, damit Gott den Menschen als ihm wohlgefällig, als gerecht anerkennt. Er fastet, er betet, aber Luther macht die Erfahrung, dass nichts, aber auch gar nichts von dem, was er unternimmt, hilft, um ein wenig Seelenfrieden, um Erlösung zu erlangen.

 

Was bleibt, ist die schiere Verzweiflung an sich selbst und das Gefühl des Verloren-, des Verdammtseins.

Luther versuch im Kloster, aus eigener Anstrengung und Kraft sich Gott gnädig zu stimmen, also das Heil zu erreichen, endet in einer ausweglosen Situation. Luther kommt zu einem Extrempunkt, an dem es für ihn innerlich kein vor oder zurück mehr gibt. Alle Suche und Anstrengung hat sich als umsonst, als vergeblich erwiesen - er fühlt sich so unerlöst wie vorher, ja er ist letztlich noch viel verzweifelter, weil er keinen Weg mehr sieht, den er gehen könnte. In dieser Situation äußerster Verzweiflung werden nun für Luther bestimmte spirituelle Wegweisungen der mystischen Tradition wichtig.

 

 

Gelassenheit

 

In der mystischen Tradition begegnet ihm nämlich die Lehre, dass der Mensch nicht durch Werke, die er tut, bei Gott gerecht werden kann, dass also alles Handeln im Hinblick auf das Heil vergeblich, ja sinnlos und letztlich sogar das Heil versperrend ist.

„Die Menschen sollen nicht so sehr daran denken, was sie tun sollen, als vielmehr bedenken, was sie sein sollen! Denke nicht deine Heiligkeit auf dein Tun zu gründen. Gründe sie vielmehr auf ein Sein, denn die Werke heiligen uns nicht, sondern wir sollen die Werke heiligen.“ (Meister Eckhardt Quint, 58 RdU)

Luther kann dies später, nach seinem Durchbruch in ähnlicher Weise formulieren: „Nicht die Werke machen die Person aus, sondern die Person macht den Wert der Werke aus.“ (Iwand 92)

„Christus aß, schlief, ging und machte und tat alles ohne Sünde. Wir, die wir das gleiche tun, sündigen in allem. Denn er war ein guter Baum, wie aber sind faule Bäume. Wie die Person, so sind auch die Werke.“ (Luther, Wahre 151)

Und diese Verwandlung der Person, die aus dem gottfernen, unerlösten Menschen einen in Gott gegründeten Menschen macht, sie kann letztlich nicht vom Menschen selbst vollzogen werden, sondern ist allein Werk Gottes.

 

Das Problem, das der Mensch hat, ist nicht irgend etwas an ihm, etwa eine schlechte Eigenschaft, sondern das Problem ist der Mensch, die Person selbst, die Art und Weise, wie er da ist: nämlich als ich- zentrierte Person, die ihr eigener Mittelpunkt ist, die in sich selbst abgeschlossen ist und die somit Gott ausschließt.

Die Sünde, das was den Menschen vor Gott ungerecht macht, ist das Ich-sein des Menschen, das lediglich aus sich selbst heraus lebt, so bringt es die Theologia Deutsch auf den Punkt. Luther bezeichnet diesen Ich-zentrierten Menschen, der sich selbst zum Problem wird, als den in sich selbst verkrümmten Menschen, als den homo incurvatus in se ipso.

 

In den Anfechtungen, von denen Luther spricht und die er erlitt, kommt also dieser in sich verkrümmt Mensch an den Punkt, an dem er erkennt, dass alles, was er tut, dieses falsche Ich-Sein nur immer wieder neu herstellt, denn es ist immer das Ich, das mit seinem Willen irgendwelche Werke vollbringt, um Gott gnädig zu stimmen, und in dieser Aktivität manifestiert er immer sein von Gott getrenntes Ich.

In dieser Situation bleibt eigentlich keine andere Chance, als aufzugeben, als alle Anstrengung loszulassen und das heißt, sich selbst loszulassen um einen geistlichen Tod zu sterben, in dem man sich selbst als dieses falsch Ich auflöst.

Und gerade in diesem Sich-selbst-Aufgeben ist die entscheidende Wende verborgen. Luther bezeichnet das auch als resignatio ad infernum pro dei voluntate. Die Selbstaufgabe in das infernum, in die Hölle hinein, um Gottes willen. Dies ist ein Loslassen, in dem man sich selbst und den Kampf aufgibt, sich nicht mehr wehrt und Widerstand leistet gegen die Anfechtungen und die Gewissensqualen. Luther findet zu einer Gelassenheit, in der er ein umfassendes Ja sagt zu dem Zustand, in dem er sich befindet und das, was ihm bisher unannehmbar schien annimmt: nämlich das Verdammtsein und die Verzweiflung.

Diese Gelassenheit hat Luther von den Mystikern gelernt, bzw. er hat sie gelernt in seinen inneren Kämpfen anzuwenden: Das Einwilligen und Annehmen dessen, was einem unannehmbar erscheint.

 

 - Nur am Rande möchte ich darauf hinweisen, dass diese Selbstaufgabe, die Kapitulation auch der Wendepunkt ist in dem 12-Punkte-Programm der Anonymen Alkoholiker. In dieser Selbstaufgabe, wenn sie sich wirklich mit der ganzen Person vollzieht und nicht nur oberflächlich, verbal vollzogen wird, eröffnet sich wirklich eine neue Dimension. Der Gründer der AA, Bill Wilson, hat das an sich selbst erfahren.

 

 

Gottes Handeln erleiden: Weg ins Nichts

 

In diesem Einwilligen und Loslassen gibt der Mensch also seine Aktivität auf und Gott übernimmt die Führung. Der Mensch ist nun ein völlig erleidender, der jetzt Gottes Handeln an sich erfährt. Und das besteht nun gerade darin, den Menschen sterben zu lassen, ihm alles zu nehmen was er hat, die Seele aller Dinge, die sie meint zu haben, zu entkleiden.

 

„Dieses Geführt-, Hingerissen- und Ausgeplündertwerden tut jedoch der Seele schrecklich weh. Denn es ist hart und ein enger Weg, alles Sichtbare dahinten zu lassen, alle Sinne aufzugeben und herausgeführt zu werden aus dem, was man gewohnt war. Das ist letztlich ein Sterben und in die Hölle fahren. Scheint es doch der Seele, als müsse sie ganz und gar verderben, denn alles wird ihr weggezogen, worauf sie stand, womit sie umging und woran sie hing, und nun schwebt sie zwischen Himmel und Erde, und fühlt weder von sich noch von Gott etwas, sondern kann nur noch sagen: Sagt meinem Freund, dass ich vor Liebe krank bin, was soviel heißt wie: Ich bin zunichte geworden und weiß nicht wie. Ich bin in Dunkelheit und Finsternis geraten und kann nichts mehr sehen. Allein von Glaube, Liebe und Hoffnung lebe ich noch. ...

Eine solche Führung heißen die Mystiker unter den Theologen >ins Dunkel schreiten<, >Über Sein und Nichtsein hinausgehen<. Aber ich weiß nicht, ob sie sich dabei selbst verstehen, denn sie schreiben dieses Erleben einer besonderen Tätigkeit des Willens zu, anstatt zu glauben, dass es ein passives Erleben des Kreuzes, des Todes und der Hölle bedeutet. Unsere Theologie ist aber allein das Kreuz.“ (Luther, Von wahrer und falscher Frömmigkeit S. 103/104)

 

Diese Sätze _ und auch die folgenden - stammen aus einer Vorlesung Luthers über die Psalmen und sie scheinen mir voller eigener Erfahrung zu sein. Luther kritisiert hier sogar manche Mystiker, die die Aufgabe des Willens nicht so lehren, wie er es selbst und z. B. Eckehart und Tauler es tun.

Festhalten und unterstreichen möchte ich hier, dass der Mensch an einen Extrempunkt kommt, an dem er aller Dinge entkleidet ist, die Seele sozusagen völlig nackt oder ledig, wie die Mystik sagt, dasteht, wo sie sich an einem Ort sich befindet, der weder zu dieser Welt noch gehört noch schon im Himmel, als bei Gott ist. Bei Hakuin werden wir eine ganz ähnliche Beschreibung finden.

Dieser Zustand ist allerdings nicht das Ende, er ist sozusagen nur das Ende aller menschlichen Möglichkeit.

 

Denn der Mensch bleibt Mensch, bis er Gott wird, der allein wahr ist. Der Mensch wird nur dadurch selbst auch wahr, dass er Anteil an ihm bekommt, indem er mit wahrem Glauben und hoffen an ihm hängt, nachdem er (durch dieses Zagen) ganz zunichte geworden ist.

Denn wo kann ein Mensch, der auf Gott hofft, anders hinkommen, als dahin, woher er kam? Von Gott aber kam er, der ihn aus dem Nichts rief, und darum kehrt der, der ins Nichts zurückkehrt, auch wieder zu Gott zurück. Denn aus Gottes Hand kann ja selbst der nicht fallen, der aus sich selbst und aus aller Kreatur zu fallen meint, dann auch sie umspannt überall Gottes Hand. (Luther, Von wahrer und falscher Frömmigkeit S. 87)

 

 

Kreuzestheologie

 

Diesen ganzen Prozess, in dem der Mensch einen spirituellen Tod erleidet durch den er zu Gott zurückkehrt und durch den er Anteil an Gott bekommt, so dass er nun als ein gänzlich verwandelter zurückkehrt, diesen Prozess kleidet Luther in die Lehre einer Kreuzestheologie. So wie Christus am Kreuz die äußerste Gottesverlassenheit erlebt hat, wie er in ihr gestorben ist, in die Hölle niederfuhr, um dann auferweckt zu werden und in den Himmel aufzufahren, so wird der Mensch auf seinem Weg zur Erlösung diesen Weg Christi an sich selbst erfahren. Das, was Christus am Kreuz realiter, in Wirklichkeit erlitten hat, das erleidet der Mensch aus seinem Heilsweg nun spiritualiter, also geistlich.

Dieser spirituelle Tod ist aber nicht das Ziel des Handelns Gottes, es ist nur ein Durchgang, hinter dem sich das Heil eröffnet, eine erlösende Gotteserfahrung, für die man nicht die angemessenen Worte finden kann.

Luther kann dies durchaus in Bildern der Brautmystik zum Ausdruck bringen: So läßt der Bräutigam Christus seine Braut erst, nachdem er sie umarmt hat Wonnen empfinden, die dem Fleische fremd sind. Die Umarmung selber aber ist Tod und Hölle. (Luther, Von wahrer und falscher Frömmigkeit S.82)

 

Und so gewinnt der Mensch durch diese Gleichgestaltung Anteil an allen göttlichen Eigenschaften Christi, die in einem im wunderbaren Tausch, im fröhlichen Wechsel (S.157) nun von Christus auf den Menschen übergehen. Für Luther ist das nun vor allem die Gerechtigkeit Christi, durch die der Mensch gerecht wird. So sind also durch dieselbe Gerechtigkeit Gott und wir gerecht, so wie durch dasselbe Wort Gott handelt und wir sind, was er sei, auf dass wir in ihm seien, und sein Wesen auch unser Wesen sei. (Luther, Von wahrer und falscher Frömmigkeit S.45)

 

 

Gott wirkt im Menschen Glaube und Werke

 

Durch diesen ganzen Prozess gelangt der Mensch endlich zum Glauben. Diesen versteht nun Luther nicht als etwas, was der Mensch ergreifen könne, indem er etwa etwas bestimmtes für wahr hält. Der Glaube ist nach Luther nicht eine menschliche Möglichkeit, sondern wird von Gott im Menschen geschaffen. „Glaube ist ein göttliches Werk in uns, das uns wandelt und neu gebiert aus Gott ... und tötet den alten Adam, macht uns ganz andere Menschen von Herz Mut und Sinn und allen Kräften und bringt den Heiligen Geist mit sich.“ (Ebeling, 188)

Und dieser neue Mensch, der durch Gottes Gerechtigkeit gerecht ist und aus Gott neu geboren wird, dieser tut nun auch gute und gerechte Werke. Und wenn man es genau nimmt, handelt hier gar nicht mehr der Mensch, sondern Gott wirkt die Werke durch den Menschen. Gott selber ist also nun tätig, nicht mehr der Mensch.

„Gute Werke geschehen nur dort,“ so kann Luther nun sagen, „wo Gott selbst sie allein und ganz in uns wirkt, so dass auch kein Teil des Werkes mehr uns zuzuschreiben ist. Darum sei dies deine Richtschnur: Wo die Schrift gebietet, dass ein gutes Werk geschehe, mußt du es so verstehen, dass sie damit verbietet, dass du das gute Werk tust, weil du es gar nicht kannst. Sondern du sollst,... für deine Person tot und begraben sein und Gott in dir wirken lassen.“ (Luther, wahre 90, s.a.236, siehe dazu auch S. 151 oben)

 

 

Resümee

 

Wir sehen also, dass Luther am Ende dieses Prozesses ein neues Selbst- und auch Gottesverständnis gewonnen hat. Gott ist jetzt nicht mehr etwas Erschreckendes für ihn, eine Macht, die ihn verdammt und er selbst fühlt sich nicht mehr verstoßen und alleingelassen. Gott ist jetzt vielmehr für Luther, wie er einmal sagt: ein Backofen voller Liebe, der ihm Anteil an seinem eigene Wesen gibt, so dass Luther durch diese Teilhabe so gerecht und heilig wie Gott selbst ist. Luther ist kein verstoßener Sünder mehr, sondern er hat Anteil an der Fülle des Lebens. Er ist nun ein Befreiter und Erlöster und diese Erfahrung durchdringt ihn so, dass er nun wie entfesselt wirksam und kreativ wird. Die Energie, so würden wir heute sagen, die vorher völlig blockiert war, sie bricht sich nun in dem Reformator Bahn. Auch zeitlich herrscht hier wahrscheinlich eine Übereinstimmung. Spiritueller Durchbruch und Beginn der reformatorischen Wirksamkeit sind etwa auf die Jahre 1517/18 zu datieren.

 

 

Hakuin

 

Der Zen-Meister Hakuin wurde 1685 in Japan geboren. Er wurde 83 Jahre alt, starb 1768. Er ist zweifelsohne eine der größten Gestalten des japanischen Buddhismus.

Er war das jüngste von fünf Kindern, von etwas schwächlicher Gesundheit, aber von hervorragender  geistiger Begabung. Schon in frühster Kindheit zeigt er eine ungewöhnliche religiöse Empfänglichkeit. Sein Biograph berichtet, dass er mit vier Jahren, als ihn der rasche Wechsel der vorübergehenden Wolken traurig stimmte, er seine Mutter fragte: Gibt es in der Welt nichts unveränderliches? Und sie zur Antwort gab: In der Welt ist seit tausenden von Jahren die Buddha-Lehre unveränderlich. (Dumoulin, Geschichte des Zen-Buddhismus II, S. 326)

Es war überhaupt die fromme Mutter, von der er in der Kindheit die stärksten religiösen Eindrücke empfing. Tief hat sich dem Kind eine Predigt in einem Tempel eingeprägt, zu der die Mutter ihn mitnahm. Die Predigt über die acht heißen Höllen erschütterte den Knaben, der ein Wildfang war und gern Insekten und kleine Vögel fing und tötete. Er zitterte aus ganzem Leibe aus Furcht vor den entsetzlichen Strafen, die seiner harrten. Für lange Zeit verließen ihn die Höllenschrecken nicht mehr. Als er einmal mit der Mutter, die das heiße Wasser liebte, ins Bad ging, sah er unter dem Kübel das laut prasselnde Feuer. Er dachte an die Hölle und fragte weinend, wie er dem höllischen Feuer entgehen könne. Die Mutter tröstete ihn und sagte, dass der Bodhisattva des Erbarmens ihn sicherlich retten würde.

Schon damals beschloss der Knabe, ein Mönch zu werden, da er überzeugt war, nur so gerettet werden zu können. Als Hakuin 15 Jahre alt war, gaben die Eltern endlich die Erlaubnis zum Eintritt in den Mönchsstand.

 

Wir sehen also, dass hier eine ähnliche Situation besteht, wie bei Luther. Auch Hakuin lebte in einer tiefen Angst. Er fühlt sich schuldig, die Hölle wartet auf ihn, vom Heil ist er ausgeschlossen. Das Leben unter der Erwartung der Strafen für sein falsches Tun ist im schwer erträglich. Er lebt, wie Luther in einer schweren Gewissensnot.

Und wie Luther fand auch er im Kloster anfangs nicht das, was er sich erhoffte. Er begann zu zweifeln, ob die Lehre des Buddha ihm Erlösung bringen könne. Denn seine innere Not wuchs ständig. Das Klosterleben, in dessen Mittelpunkt im Zen ja vor allem die intensive Meditationspraxis steht, brachte ihm keine Erleichterung.

Der Eifer, mit dem er ins Kloster gegangen ist, lässt bei ihm nach. Er wechselt den Tempel, folgt nun mehr seinen musischen Neigungen.

Durch ein Erlebnis wird aber sein Eifer wieder angefacht. An einem Sommertag wurden auf dem Klosterhof die Bände der Bibliothek zum Lüften in die Sonne gestellt. Beim Anblick dieser Vielzahl der Schätze des Wissens aus Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus überkam ihn ein Gefühl der Verlorenheit. Wen sollte er sich zum Führer seines Lebens wählen? Meister Kung, die Weisen des Taoismus oder den Buddha? Innig betet er zu den Schutzgeistern der buddhistischen Lehre und greift wahllos nach einem Band. In der Hand hält er eine Zen- Schrift. Sie berichtet unter anderem von einem berühmten Meister, der Tag und Nacht unentwegt meditierte und immer, wenn ihn der Schlaf zu übermannen drohte, eine spitze Ahle in seinen Schenkel stieß, um durch den Schmerz seine Geist zu wecken. Hakuin bereute nun sein Abweichen vom geraden Weg und er beschloss, sich nun ausschließlich mit aller Kraft der Zen-Übung, der Meditation zu widmen, um die vollkommene Erleuchtung zu erlangen. Um diese Zeit begann er mit der Übung des Mu-Koans - auf die Koan-Praxis werde ich später noch eingehen - , mit dem er Tag und Nacht unablässig übte, ohne allerdings den Durchbruch zu erreichen.

Eine erste tiefe Erfahrung, die Frucht seines angestrengten Bemühens war, hatte er erst zwei Jahre später. Er hat diese Erlebnis selbst berichtet.

 

Im 24. Lebensjahr weilte ich während des Frühlings im Kloster Eiganji im Lande Echio und übte angestrengt. Weder bei Tag noch bei Nacht schlief ich und vergaß mich zur Ruhe zu legen und Speise zu nehmen. Plötzlich stand vor mir der große Zweifel, Ich war wie erfroren in einem viele tausend Meilen weiten Eisfeld. Eine Lauterkeit erfüllte meine Brust. Ich konnte weder voranschreiten noch zurückweichen, war wie von Sinnen, da war nur das Mu. ... Dieser Zustand dauerte mehrere Tage. Eines Nachts hörte ich den Ton der Tempelglocke und war im Nu wie verwandelt. Es war gleich dem Zerschlagen einer Eisdecke oder dem Einstürzen eines Kristallturmes.  Als ich plötzlich erwachte und zu mir kam, ... waren alle früheren Zweifel völlig verschwunden, wie Eis dahinschmilzt. Mit lauter Stimme rief ich: Wie wunderbar, wie wunderbar. Es bedarf keines Entrinnens aus dem Kreislauf von Leben und Tod, es bedarf keines Strebens nach Erleuchtung. Die überlieferten 1700 verwickelten Koan-Aufgaben sind gar nichts wert. Mein Stolz rate empor wie ein Berg, mein Hochgefühl wallte auf wie die Flut. Im geheimen dachte ich: Seit zwei- oder dreihundert Jahren hat keiner einen so prachtvollen Durchbruch vollbracht wie ich.

 

Deutlich erkennt man zwei Phasen: Den ersten Zustand nennt er den großen Zweifel. Es ist ein Zustand höchster seelischer Anspannung und Konzentration. Auch gibt es in diesem Zustand kein Voranschreiten oder Zurückweichen. Es ist - wie bei Luther - ein Extrempunkt, an dem es für das Ich kein Fortschreiten mehr gibt und in dem nur noch eins in seinem Geist Platz hatte: Sein Koan, das Meditationswort Mu.

Und dann geschieht eines Tages, zu einem völlig unerwarteten Zeitpunkt der Durchbruch, eine ekstatische Erfahrung, die ihn tief beglückt, und die er mit verschiedenen Vergleichen versucht zu veranschaulichen.

Aber die Enttäuschung Hakuins war wohl groß, als der Meister, dem er sein Erlebnis berichtet, seine Erfahrung nicht als Satori, als Erleuchtung anerkannte. Die Erfahrung Hakuins zeigt wohl Züge der Erleuchtungserfahrung, sie ist aber noch nicht vollkommen. Das Ich, das sich in dem nachfolgenden Stolz meldet, ist noch ein Hindernis.

Er konsultiert daraufhin andere Meister, in der Hoffnung, von ihnen eine Bestätigung zu finden, erhält sie aber nicht. Aber er lernt nun den Lehrer kennen, unter dem er seine Erfahrung bis zur Reife vertiefen sollte.

Allerdings war die Behandlung diese Meisters alles andere als behutsam. Nach unseren europäischen Maßstäben muss sie uns wie sinnlose Grobheit und womöglich als Scharlatanerie erscheinen.

Hakuin selbst spricht allerdings später im Rückblick mit allergrößter Hochachtung von seinem Meister und lobt sein liebevolles, einfühlsames Vorgehen.

Die Behandlung, die der Meister Hakuin zuteil werden lässt, ziel wohl einzig und allein darauf ab, Hakuin zu einer größten Anstrengung in seiner Übung anzustacheln. Alles, was Hakuin denkt, er habe es schon erreicht an Einblick und Erleuchtung, schlägt er ihm förmlich aus der Hand, weist seinen Stolz, etwas erreicht zu haben schonungslos zurück und weist ihm eine Platz am alleruntersten Ende zu, bezeichnet ihn als Teufelskind, gefangen in einer Höhle. Und mit dieser Höhle meint der Meister wohl die Egozentrik, die Ichhaftigkeit Hakuins, in der er noch gefangen ist, ohne es selbst zu bemerken.

Hakuin berichtet folgende Begegnung mit seinem Meister:

 

Eines Abends saß der Meister sich kühlend in der Veranda. Wieder brachte ich ihm meine Erleuchtungsstrophe.

Der Meister sagte. Wirrnis und Unsinn.

Ich schrie mit lauter Stimme die gleichen Worte: Wirrnis und Unsinn.

Der Meister packte mich, schlug mich zwanzig- bis dreißigmal mit der Faust und stieß mich endlich von der Veranda herab. Es war am Abend des 4. Mai, nach einem langen Regen. Ich lag auf der Schlammerde, hatte das Bewußtsein verloren, atmete kaum und war wie tot. Auch konnte ich mich nicht bewegen. Der Meister stand auf der Veranda und lachte laut.

Nach einer Weile kam ich wieder zu mir, stand auf und verneigte mich vor dem Meister. Mein ganzer Körper war in Schweiß gebadet.

Der Meister rief mit lauter Stimme: Dieses armselige Teufelskind in der Höhle!

Darauf vertiefte ich mich in mein Koan (vom Tode des Nan-ch'üan) und gab Schlafen und Essen auf. An einem Tag hatte ich ein kleines Erwachen, betrat sein Zimmer, wechselte mit ihm einige Worte, aber ohne Anerkennung zu erlangen. Er sagte nur: Dieses armselige Teufelskind in der Höhle!

 

Hakuin übt mit Todesverzweiflung. Da er keine Anerkennung findet und sein Bemühen offensichtlich vergeblich ist, denkt er im Stillen schon daran, seinen Meister zu verlassen. Aber auf einem Bettelgang in eine nahegelegene Ortschaft erlebt er den großen Durchbruch. Er erzählt:

 

Bekümmert nahm ich am nächsten Morgen meine Almosenschale und kam in eine Ortschaft unterhalb des Berges Iiyama. Ohne auch nur ein wenig auszuruhen, beschäftigte ich mich mit dem Koan. Versunken stand ich an einer Hausecke, die Almosenschale in der Hand.

Von innen rief jemand: geh weiter, geh weiter! Ich hörte es nicht. Da ergriff die Hausbewohnerin zornig einen Besen, kehrte ihn um, traf meinen Kopf und schlug drauf ein. Mein Mönchshut zerriß, und ich fiel zu Boden. Ohne Bewußtsein lag ich da wie tot.

Von allen Seiten kamen, aufgeschreckt durch den Lärm, mit besorgten Mienen die Nachbarn. Das ist der gewöhnliche Unfug, schrieen sie, schlossen die Tür und kümmerten sich um nichts weiter. Drei oder vier vorübergehende wunderten sich, richteten mich auf und fragten, was geschehen sei.

Ich kam wieder zum Leben und öffnete die Augen. Ich durchschaute die schwierige Koan-Aufgabe, die ich bisher weder verstehen noch durchdringen konnte, vollständig, bis auf die Wurzel. Befreit klatschte ich in die Hände und lachte laut.      (Darauf ging Hakuin zurück zum Kloster)

Voll Freude schritt ich lachend durch das Tor des Klosters.

Der Meister stand auf der Veranda, warf einen Blick auf mich und fragte: Sprich, was gibt es so überaus gutes? Ich näherte mich ihm und berichtete ihm ausführlich von meiner Erfahrung.

Der Meister streichelte mit seinem Fächer meinen Rücken.

 

Er hat daraufhin Hakuin nie wieder armseliges Teufelskind in der Höhle genannt.

 

 

Die Koan-Übung

 

Schon öfters war nun von der Koan-Übung die Rede. Die Koan-Übung ist eine spezielle Methode, die vor allem in einer der beiden Haupt- Schulen des Zen, nämlich im Rinzai-Zen angewandt wird. Hakuin sollte später, als er dann selbst unterrichtete, diese Methode zu der Form vervollkommnen, die sie heute in Japan hat.

Was ist aber nun ein Koan? Ein Koan ist ein Satz, oder eine Begebenheit, in der ein Problem für den Schüler enthalten ist, das er mit dem diskursiven Denken nicht lösen kann, sondern für dessen Lösung er Einsicht in die letzte Wirklichkeit aus eigener Erfahrung benötigt. Die Lösung muss also intuitiv erfaßt werden. Eines der bekanntesten Koan, mit dem auch Hakuin übte, ist das Mu-Koan, das dem Schüler gegeben wird, um ihn in den Zustand des großen Zweifels zu führen.

Vollständig lautet es: Ein Mönch fragte einmal Meister Joshu: Hat auch ein Hund Buddha-Natur (wir würden sagen göttliches Wesen)? Joshu sagte: Mu. (was soviel bedeutet wie Nichts).

Für den Schüler, der dieses Koan hat, gibt es die Anweisung, sich mit ganzer Kraft in dieses Mu zu versenken, ja er soll selbst Mu werden und in seinem Geist soll nichts weiter als nur dieses Mu sein, das ihn ganz ergreifen und durchdringen soll.

In der Beschäftigung mit dem Koan, soll die Lebensfrage, die sich der Sucher selbst ist und nach deren Antwort er verlangt, soll sich diese existentielle Frage sozusagen konzentrieren. Das Koan zu lösen soll für ihn die Lebensfrage, die Frage werden, um deren Antwort er auf Leben und Tod ringt, so nach einer Lösung ringt, mit immer wieder neuem Anlauf und mit einer Entschlossenheit, wie wir es in der Biographie von Luther und Hakuin verfolgen können.

Das Koan wird so für den Schüler zu einer Lebensfrage und zum zentralen und ausschließlichen Interesse seines ganzen Seins. Wenn er sich ihm stellt, stellt er sich damit seiner eigenen Zwangslage in ihrer ganzen unmittelbaren und brennenden Dringlichkeit. Da er damit (intellektuell) nicht fertig werden kann, fühlt er wirklich, „wie all seine Eingeweide in Unordnung geraten, als hätte er eine feurige Kugel verschluckt und könne sie nicht schnell genug wieder von sich geben“. (Martino, in: Zen und Psychoanalyse)

Wir sehen also, dass das Koan den Schüler genau in den Extrempunkt führen will, an dem es für das Ich, seinen Willen, sein Verstehen und seine Anstrengung kein Fortkommen mehr gibt, der Punkt, an dem das Ich eigentlich nur noch kapitulieren kann. Hakuin nennt diesen Zustand den Großen Zweifel. In ihm schlägt dann von selbst die äußerste Anstrengung in Gelassenheit, in ein Loslassen um. Dieses führt in den Großen Tod, in dem das endliche Ich sich auflöst und der Große Tod wiederum leitet in die Erfahrung des Absoluten, des wahren Nicht-Ich, wie Hakuin es nennt.

 

Hakuin schreibt: Wenn du zum wahren Nicht-Ich gelangen willst, mußt du über dem Abgrund die Hände loslassen. Wenn du dann wieder auflebst, triffst du auf das wahre Ich der vier Tugenden.

Was bedeutet es, über dem Abgrund die Hände loslassen?

Angenommen, ein Mann ging in die Irre und gelangte an einen Ort, den noch kein Menschenfuß betreten hat, - unter ihm gähnt bodenlos ein Abgrund. Seine Füße stehen auf schlüpfrigem Felsmoos, nirgends ist ein sicherer Halt. Er kann weder voranschreiten noch zurückweichen. Woran er sich ein wenig halten kann, sind ein Rebzweig, den er mit der linken Hand faßt, und eine Ranke, die seine Rechte ergreift. Sein Leben hängt wie an einem Faden. Wenn er plötzlich beide Hände losließe, so würde nicht einmal sein dürres Gebein übrig bleiben.

Genau so ist es mit dem Übenden. Wenn du ausschließlich ein Koan verfolgst, wird dein Geist wie tot, dein Wille wie erloschen. Du befindest dich in weiter Leere, in einer einsamen Leere am Rande eines unergründlich tiefen Abgrundes, da ist kein Halt für Hände und Füße. In der Brust steigt heiß die Angst auf. Plötzlich bist du eins mit dem Koan, Geist und Leib zerbrechen und schwinden dahin. Dieser heißt der Augenblick des Loslassens der Hände über dem Abgrund. Bei dem plötzlichen Wiederaufleben ist es, wie wenn einer Wasser trinkt und selbst kalt und warm weiß: Die große Freude wallt auf. Dies heißt Wiedergeburt, dies heißt Schauen der (Buddha-) Natur. (Dumoulin, Geschichte des Zen-Buddhismus II, S. 341 f)

 

 

Zusammenfassung und Vergleich

 

Wir können also zusammenfassen, dass der spirituelle Weg, den Hakuin und Luther beschreiben und selbst gegangen sind, sich in ihre Grundstruktur gleichen: Die Erlösung wird erreicht, nachdem das Ich an einem Extrempunkt äußerster Anstrengung und Spannung sich spontan auflöst, einen spirituellen Tod erleidet. Dieser Tod führt allerdings nicht in einen negativen Zustand des Nicht-Seins, sondern führt in die Erfahrung des so tief gesuchten und ersehnten: das Göttliche, die Buddha-Natur, das wahre Ich oder wie man es nun nennen mag. Und mit dieser Erfahrung bildet sich eine neu innere Struktur der Person, die nicht mehr in seinem unerlösten Ich gefangen ist, sondern die nun aus einem Zentrum jenseits des Ich heraus lebt.

 

 

Römer 1,17 als Koan

 

Ich habe mir das wichtigste Selbstzeugnis, in dem Luther seinen Durchbruch beschreibt bis hierher aufgehoben, weil ich es auf dem Hintergrund dessen, was ich über die Koan-Übung gesagt habe, interpretieren möchte. Denn ich denke, dass Luther das, was im Zen systematisch in der Koan-Schulung praktiziert wird, dass er dies sozusagen intuitiv verfolgt hat. Sein Koan, sein Problem, das er nicht mit dem Denken erfassen und begreifen konnte, und an dem er schier verzweifelte in seinem Bemühen es zu durchdringen, war ein Wort aus dem Römerbrief, ein Wort, in dem sich sein ganzes existentielles Problem konzentrierte.

 

Luther schreibt: „Ich war von einer wundersamen Leidenschaft gepackt worden, Paulus in seinem Römerbrief zu verstehen, aber bis dahin hatte mir nicht die Kälte meines Herzens, sondern ein einziges Wort im Wege gestanden ...

Dieser Vers lautet: Denn im Evangelium wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.« (Röm 1:17)  ...

Ich aber, der ich trotz meines untadligen Lebens als Mönch, mich vor Gott als Sünder mit durch und durch unruhigem Gewissen fühlte und auch nicht darauf vertrauen konnte, ich sei durch meine Genugtuung mit Gott versöhnt: ich liebte nicht, ja ich haßte diesen gerechten Gott, der die Sünder straft. ...

So raste ich in meinem wütenden, durch und durch verwirrten Gewissen und bemühte mich ungestüm um jene Stelle bei Paulus, mit heißestem Durst zu wissen, was St. Paulus damit sagen will. Bis Gott sich erbarmte, und ich, der ich Tag und Nacht nachgedacht hatte, den Zusammenhang der Worte begriff, nämlich: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes zu verstehen, durch die der Gerechte als durch ein Geschenk Gottes lebt, nämlich aus Glauben heraus. ...

Hier spürte ich, dass ich ganz und gar neugeboren sei und dass ich durch die geöffneten Pforten in das Paradies selbst eingetreten sei. Da zeigte sich mir sogleich die ganze Schrift in einem neuen Licht.“ (Obermann, Quellen der Kirchgeschichte III, 209 f)

 

Luther war von dem Bemühen, sein Problem, sein Koan zu lösen völlig ergriffen, nichts anderes schien für ihn noch Wichtigkeit zu haben, er befand sich in einem Zustand äußerster Konzentration und höchster Anspannung, Hakuin würde sagen, er befand sich im Großen Zweifel. Und plötzlich ist aus einer tiefen Erfahrung heraus die Bedeutung des vorher völlig Unverständlichen klar. An einer anderen Stelle sagt Luther, die Erkenntnis haben ihn schier entzwei gerissen. Plötzlich jedenfalls steht die Tür weit offen, die ihm jahrelang verriegelt war. Völlig unbehindert tritt er ins Paradies ein, sieht alles in einem völlig neuen Licht.

Die Erfahrung der Erlösung als paradoxales Ereignis

 

In der Situation des unerlösten Menschen steckt ein Paradox. Er ist auf der Suche und will alles mögliche tun, um das ersehnte Heil zu erreichen. Andererseits haben wir gesehen, dass der Mensch, solange er aktiv sucht, nicht finden kann, denn solange er aktiv ist, findet er nichts anderes, als sein unerlöstes Ich. Das Ich-Sein selbst ist das Problem, und das Ich hat von daher nicht die Möglichkeit es zu lösen, außer, dass es verschwindet, und sich jenseits der Grenzen des Ich das offenbart, das das Ich und die Welt umfasst und hervorbringt.

Gerade dies aber können wir nicht: nämlich uns willentlich selbst aufzugeben, denn in jeder Willensaktivität tritt ja das Ich in Erscheinung, das wir aufgeben wollen. Die Suche, die zu dem Heil, das jenseits des Ich liegt führen soll, muss also umschlagen in eine Nicht- Suche.

Die Meditation ist solch ein Weg der Nicht-Suche. Und es liegt in der Natur der Sache, dass auch ihr Weg grundlegend von diesem Paradox gekennzeichnet ist, denn die Anweisung zur Meditation heißt: Sei völlig still, sei einfach nur da, wach und bewusst, ohne zu denken. Und wenn wir uns mit diesem Vorsatz zur Meditation setzen, dann verhindert genau dieser Vorsatz, diese Ich-Absicht die Meditation, in der sich das persönliche Ich ja gerade nicht manifestieren soll.

Es geht also wesentlich um so etwas wie einen existentiellen Sprung, der uns außer uns selbst versetzt, und der sich spontan, von selbst vollziehen muss. Die Schulung des Zen, das haben wir gesehen, will genau an diesen Ort führen, an dem sich der Sprung spontan vollziehen kann.

Die Erfahrung, die in diesem Sprung aufbricht, ist etwas völlig Neues, etwas das nicht in den Kategorien gegenständlichen Erfahrens oder Denkens zu erfassen ist. Das, was dort aufscheint, ist daher kein kausales Produkt, das sich aus den vorangegangenen Leistungen und Einsichten zusammensetzt.

Weil es etwas völlig Neues ist, darum hat Luther nach seinem Durchbruch all die Anstrengungen und Werke seines Lebens als Mönch verworfen als Irreführung, als sinnlos und hat damit die monastische Tradition als ganze als wertlos, ja falsch bewertet. Der ganze Protestantismus hat auf dieser Verwerfung des monastischen Lebens aufgebaut.

Luther hat leider nicht den psychologischen Zusammenhang gesehen, der andererseits natürlich besteht zwischen der Zeit vor seinem Durchbruch und der befreienden Erfahrung.

Luther hat wohl nicht erkannt, dass es das gute und positive an seinem Klosterleben war, dass ihm das Kloster die Infrastruktur geboten hat, die nötig war, dass sich seine spirituelle Suche zuspitzen konnte und ihm schließlich so zu seinem Durchbruch verhelfen konnte.

 

Und hier besteht eine der wesentlichen Differenzen zu Hakuin, der diesen psychologischen Zusammenhang gesehen hat, ja für den das monastische Leben genau diesen Sinn hat, nämlich dem Menschen eine Umgebung bereitzustellen, in der sich seine religiöse, seine existentielle Frage zuspitzen kann - wie wir gesehen haben soll dies mit Hilfe der Koan-Übung gefördert werden - bis schließlich der Moment erreicht ist, in dem das Loslassen der Hände über dem Abgrund möglich ist, der Augenblick, in dem sich der paradoxe, über das Ich hinausführende Sprung sich vollziehen kann.

Wie dieser Prozess unterstützt, begleitet und gefördert wird, darüber können wir viel von der spirituellen Praxis des Zen, die sich in jahrtausendelanger Tradition gebildet und verfeinert hat, lernen.

 

 

Erste abschließende Überlegung

 

Meine Eingangsthese war, und ich hoffe ich konnte sie anhand der beiden spirituellen Biographien plausibel machen, dass es einen universellen, in der Seele des Menschen vorgezeichneten Weg zum Heil, zur Erlösung gibt.

Dieser universelle, archetypische Weg ist ein tiefgreifender Wandlungsprozess, der das Menschsein des Menschen neu begründet, indem er ihn sein Wesen, seine wahre Identität außerhalb seines endlichen Daseins finden lässt.

Luther hat diesen seelischen Wandlungsprozess in der Symbolik von Kreuz und Auferstehung beschrieben.

Hakuin beschreibt ihn als Erfahrung des großen Zweifels, des Großen Todes und einem Wiederaufleben mit einer neuen Gewissheit.

Dieser spirituelle Wandlungsprozess wurde und wird natürlich auch mit anderen Symbolen zum Ausdruck gebracht. z. B. durch das Motiv des Verschlungenwerdens von einem Seeungeheuer, einem Symbol, das uns in den unterschiedlichsten Kulturkreisen begegnet. Aus der Bibel kennen wir es als die Geschichte von Jona und dem Wal.

Und auch im Symbol und Ritus der Taufe spiegelt sich dieser seelische Wandlungsprozess von Sterben und Wiedergeburt wider. Der alte Adam, wie Luther sagt, wird in der Taufe ertränkt, er stirbt in der Tiefe des Wassers und aus dieser Tiefe wird er wiedergeboren als Neuer Mensch, der von sich befreit ist und aus Gott heraus lebt. Im Taufritual übernimmt das frühe Christentum damit die Grundstruktur der antiken Mysterien, deutet die Taufe von den Mysterien her. Dies war ja das Wesen der antiken Mysterien: dass der Myste in einem geheimen Ritual durch den Tod geführt wurde, um ihm eine Erfahrung, einen Einblick in das Ewige und Göttliche zu geben, das jenseits des Todes liegt.

 

 

Zweite abschließende Überlegung

 

Religion hat viele Funktionen. Eine ihrer wesentlichen Funktionen ist es, diesen hier beschrieben spirituellen Prozess zu initiieren, zu symbolisieren, zu strukturieren, zu begleiten und zu unterstützen. Wenn Religion dies nicht mehr leistet, versagt sie dem Menschen eine wichtige Hilfe auf dem Weg zu einem ganzheitlicheren, erfüllteren Menschsein. Sie versagt ihm dann die Hilfe zu einer tragfähigeren Identität zu kommen.

Wenn wir auf die protestantische Kirche hierzulande blicken und fragen, wie sie diese wesentliche Funktion von Religion wahrnimmt, zu welchem Urteil kommen wir? Ich denke, dass wir dann sagen müssen, dass die Protestantische Kirche sich dieser wesentlichen Aufgabe viel zu wenig bewusst ist, dass sie für spirituelle Prozesse dieser Art kaum eine angemessene Infrastruktur bietet. Es hängt dies wesentlich mit dem negativen Urteil Luthers über das Mönchtum zusammen.

Menschen, die auf der Suche sind, die sich in ähnlichen Prozessen wie oben beschrieben befinden, suchen konsequenterweise Hilfe außerhalb der Ev. Kirche und außerhalb des Christentums. Um die Zukunftsfähigkeit der Ev. Kirche steht es meiner Ansicht nach nicht so gut, wenn sie diese problematische Ausgrenzung, die im Verlauf der Reformation geschehen ist, nicht endlich positiv bewältigt, d.h. wenn sie es nicht schafft ein wirklich Bejahendes Verhältnis zur Mystik zu finden. Auch für die Protestantische Kirche gilt, dass das mystische Element nicht eine beliebige Option ist, sondern dass sie ein wesentliches Element ist, das man nicht ohne Schaden vernachlässigen darf. Dieser Schaden einer zu einseitig auf Intellekt und Ethik ausgerichteten Spiritualität zeigt sich mittlerweile unübersehbar.

Eine Kirche der Reformation, die an sich selbst den Anspruch stellt, immer im Prozess der Reformation, also der Neuwerdung und Verwandlung zu bleiben, eine solche Kirche kann es sich nicht auf Dauer leisten, Menschen, die sich in einem spirituellen Prozess wie ihr Gründungsreformator befinden, keine Heimat zu bieten. Tut sie dies doch, dann gibt sie ihren eigenen Anspruch an sich auf. Sie verschließt sich dann dem Wirken des Heiligen Geistes, sie verschließt sich – pfingstlich gesprochen - dem Feuer der Verwandlung und ist damit eigentlich nicht mehr Kirche der Reformation, sondern erstarrt in Traditionalismus. Das Neue, das in diesem Fall die Integration des Verdrängten und Ausgeschlossenen wäre, hat dann keine Chance.

Dass unsere Kirche zu dem Mut findet, die Glut, die in der Asche der Tradition verborgen ist zu einem verwandelnden Feuer werden zu lassen, das würde ich mir wünschen , im Interesse der Menschen, die auf der Suche sind, wie es einst Luther war, und die von ihrer religiösen Tradition Hilfestellung in diesem Prozess der Befreiung zu einer in Gott gegründeten Identität suchen.

 

Pfarrer Stefan Matthias – 030 / 612 8 55 68

 


 

 

 

 

 

 

 

Luther und die Mystik

 

Mancher mag sich vielleicht darüber gewundert haben, Martin Luther hier in einer Reihe über Mystik wiederzufinden. Unser heutiges Lutherbild bringt ihn mit Mystik im allgemeinen nicht in engere Verbindung. Im Gegenteil. Hat sich Luther doch gerade im Zusammenhang mit den Bauernkriegen von Thomas Müntzer, den man zu Recht als Mystiker mit dem Hammer gekennzeichnet hat, distanziert.

Und durch diese Verdammung der Schwärmerei, wie Luther sie abwertete und durch seine Verurteilung des Mönchtums ist auch die Mystik unter das zu Überwindende Katholische gefallen. Ein Verdikt, an dem der Protestantismus bis heute leidet und das ihn einer wesentlichen spirituellen Quelle beraubt.

Dabei steht Luther der Mystik viel näher, als man es heute vermutet. Ist Luther doch im Unterschied zu den meisten Universitätstheologen heute ein wirklicher Erfahrungstheologe, der von sich zurückblickend sagt: Ich habe meine Theologie nicht auf einmal gelernt, sondern habe immer tiefer und tiefer grübeln müssen, da haben mich meine tentationes (Versuchungen) hingebracht. (Beintker S. 23)

Oder auch: Durch Leben, ja durch Sterben und Verdammnis wird man ein Theologe und nicht durch Verstehen, Lesen oder Spekulieren (Luther, Wahre, 78). Die Erfahrung Gottes ist also die Basis seiner Theologie und schon dies verbindet ihn mit der Mystik, die ja genau dies ist: Erkenntnis Gottes durch eigene, unmittelbare Erfahrung. Und ich denke, dass es kein Zufall ist, wenn Luther gerade in der Zeit seiner verzweifelsten Suche, in der er von Krisen, Anfechtungen, wie er es nennt, geschüttelt wird, wenn er gerade zu dieser Zeit eine mystische Schrift herausbringt, die Theologia Deutsch, die er aufs höchste lobt und wenn er seinen eigenen Erfahrungsweg bei dem Mystiker Tauler wiederfindet, den er hoch schätzt.

 

Dass Zen-Meister Hakuin, der den Zen-Buddhismus Japans im 18. Jahrhundert von Grund auf reformierte und eine starke Schule begründete, die bis heute in Japan wirksam ist, dass er zu den großen Mystikern nicht nur des Zen, sondern überhaupt zählt, das leidet glaube ich keinen Zweifel.

 

Wenn ich den Weg von Suche und Durchbruch bei beiden skizziere, dann wird dies deutlich werden: Gott, die absolute Wirklichkeit, im Zen als Buddha-Natur bezeichnet, ist für sie eine erfahrene Realität, die ihr Leben von Grund auf bestimmte.

 

 

 

 

Mit dieser Perspektive möchte ich unserere beiden Sucher aus Ost und West in den Blick nehmen.

 

Kurz gefaßt kann man sagen, dass dieser Weg zum Heil ein Weg ist, der durch den geistlichen, spirituellen Tod zu einer Erfahrung des Absoluten, des Transzendenten leitet, die das Person-sein, das In-der-Welt-sein völlig neu begründet.

 

 

 

 

 

 

 

Was für eine Suche ist es aber nun, von der hier die Rede sein soll.

Die Suche gehört ja sozusagen zum Wesen des Menschen. Der Mensch ist ein Mangelwesen, und um diesen Mangel zu beheben ist er auf entsprechendes aus, ist er auf der Suche. Mit den Tieren verbindet uns die Nahrungssuche und die Partnersuche.

Notwendig ist auch die Suche von Schutz, die Absicherung der Lebensumstände.

Aber selbst, wenn alle diese grundlegenden Bedürfnisse erfüllt sind, wenn der Mensch sozusagen sorglos sein könnte, so bleibt oft genug ein Rest an Unerfülltheit, eine Unruhe, die durch nichts zu befriedigen ist. Er ist weiterhin auf der Suche nach Glück, Erfüllung oder nach Sinn, die er - so sehr er auch sucht - in nichts, was die Welt bietet, findet. Und so kann ihn ein Unglücklichsein, eine Sinnlosigkeit aufbrechen, dessen Ursache und Grund ihm verborgen ist.

Ist das Dasein für Tier selbstverständlich, so kann es für den Menschen zur Frage werden zur staunenden Frage: Warum ist etwas, und ist nicht vielmehr nichts? Oder auch zur bohrenden Frage: Was für einen Sinn hat diese Welt, was für einen Sinn hat mein Leben und wer bin ich überhaupt? Ausgeliefert dem Tod, dem Leiden und der Schuld, wie kann ich unter diesen Umständen leben? Und wodurch kann ich aus diesen Mächten erlöst werden? Ja, gibt es überhaupt eine Erlösung?

Was hier aufbricht, das denke ich, ist die religiöse, die spirituelle Suche? Diese Suche ist es, die Luther und Hakuin völlig gefangen nahm und die in der spirituellen Biographie vieler religiöser Persönlichkeiten eine entscheidende Rolle spielt.

Hier fallen einem z.B Paulus oder auch Augustin ein.

Aber hier wäre z.B. auch einer der beiden Gründer der Anonymen Alkoholiker,  ????? zu nennen.

Die spirituelle Suche kommt also aus einem Leiden, einem Mangel, der quälend die ganze Person erfaßt und durchdringt und auf Erlösung aus ist.

 

 

 

Ja, ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: dieser Weg ist nicht nur ein bestimmter Prozess, der sozusagen in die menschliche Seele eingezeichnet ist, sondern dieser spirituelle Prozess entspricht letztlich einer Grundstruktur, der gemäß sich alles Seiende verwandelt.

 

 

Grundstruktur alles Seineden: Selbstsein-Identität durch Verwandlung

 

Diese Grundstruktur ist durch die Tatsache gegeben, dass Dinge und erst recht lebendige Wesen nur dadurch sie selbst bleiben, indem sie sich verwandeln. Man kann nicht zwei mal in den gleichen Fluss steigen, sagt Heraklit. Der gleiche Fluss ist ein anderer im nächsten Augeblick und wir selbst sind ein anderer im nächsten Augenblick. Unsere Identität ist also nicht etwas durchgängiges, es gibt nicht so etwas wie ein bleibendes substanzielles Wesen, sondern Identität ist nur möglich dadurch, dass sie in der Verwandlung sich erhält.

Das heißt, dass Selbstsein oder Identität nur im Durchgang durch Selbstauflösung, also Vergehen möglich ist. Der Tod, das Vergehen ist als treibendes Element der Verwandlung immer gegenwärtig und ermöglicht so erst das Zu-sich-selbst-kommen, das immer wieder neu sich ereignen muss, da nichts statisch ist.

In dem spirituellen Prozess, den Luther und Hakuin durchlaufen, spielt nun gerade die Erfahrung eines spirituellen, eines geistlichen Todes eine wesentliche Rolle. Sie finden zu einer tragfähigen Identität im Durchgang durch den Tod ihrer alten Identität.

 

Unsere Identität als Mensch ist entstanden. Wir haben es gelernt Ich zu sagen. Wir haben es gelernt uns mit bestimmten Rollen zu identifizieren, die wir im Zusammenspiel mit anderen Menschen erlernt haben, wir haben es gelernt uns mit bestimmten Dingen zu identifizieren und von anderen uns zu unterscheiden. Dieses Ich, das unsere Identität ausmacht, verwandelt sich. Diese Übergänge sind normalerweise mehr oder weniger fließend, so dass der Eindruck einer Kontinuität da ist. Wir halten uns in gewisser Weise für die selbe Person, die wir vor 20 Jahren waren und die wir in 20 Jahren sein werden. Aber die Frage nach dem, wer wir sind ist damit nur vorübergehend gelöst, nur vorläufig, was vielen offensichtlich völlig ausreicht.