Der spirituelle Weg bei Meister Eckhart und im Zen-Buddhismus

Teil 3 - Leben ohne Warum - Transformiertes Menschsein

 

Nach Meister Eckhart lebt der transformierte Mensch in einer Einheit von Welt, Gott und Mensch. Solch ein Mensch, so sagt Meister Eckhart, lebt ohne Warum.

 

Der Grund, aus dem der transformierte Mensch lebt, ist nicht mehr in den horizontalen Verflechtungen von Ursachen und Wirkung im zeitlichen Ablauf zu finden. Der abgeschiedene Mensch gründet nicht mehr in seinem zeitlichen Sein, in seiner Geschichte, in seiner Körperlichkeit, in seiner bestimmten und ihn von anderen unterscheidenden Individualität. Insofern gründet sein Leben nun nicht mehr in der Welt der Erscheinungen, in seiner Kreatürlichkeit bzw. in dem Bedingungsgeflecht, in dem er mit anderen Erscheinungen verknüpft ist. Der Mensch, der eins mit dem WEG bzw. eins mit Gott ist findet seinen Grund vielmehr in der Vertikalen, nämlich in dem schöpferischen Grund, den Joshu die grenzenlose Offenheit nannte, die sonnst im Zen auch oft als Leere bezeichnet wird, und die Eckhart das Nichts der Gottheit nennen kann.

 

Leben aus diesem Grund ist Leben ohne Warum, da Gott kein Warum hat.

 

So, wie Gott ohne Warum wirkt und kein Warum kennt, - ganz in der gleichen Weise, wie Gott wirkt, so auch wirkt der Gerechte ohne Warum; und so, wie das Leben um seiner selbst willen lebt und kein Warum sucht, um dessentwillen es lebe, so auch kennt der Gerechte kein Warum, um dessentwillen er etwas tun würde.[1]

 

Das Ziel des Seins, das sich in der jetzt vollziehenden Schöpfung (creatio continua) in diesem gegenwärtigen Nun aus Gott manifestiert liegt vollständig in sich selbst. Und so könnte man auch sagen, dass das Ziel des Universums, wenn man es in seiner vertikalen betrachtet, genau in diesem gegenwärtigen Augenblick, in diesem Nun liegt. Gott, die Welt und der Mensch, wenn man sie in ihrem Sein nimmt, sind sich selbst das Ziel. Und so kommt Eckhart dazu, zu sagen, dass das Leben aus seinem eignen Grunde lebet um zu leben. Die Erfüllung des Lebens liegt in sich selbst und nicht in einem Zweck außerhalb.

 

Wer das Leben fragte tausend Jahre lang: »Warum lebst du?« könnte es antworten, es spräche nichts anderes als: »Ich lebe darum, daß ich lebe. Das kommt daher, weil das Leben aus seinem eigenen Grunde lebt und aus seinem Eigenen quillt; darum lebt es ohne Warum eben darin, daß es (für) sich selbst lebt. Wer nun einen wahrhaftigen Menschen, der aus seinem eigenen Grunde wirkt, fragte: »Warum wirkst du deine Werke?« sollte er recht antworten, er spräche nichts anderes als: »Ich wirke darum, daß ich wirke.«[2]

 

Warum geht der kleine Schwanz nicht durch das Fenster?

 

Das Warum hinter sich zu lassen ist nun auch ein wichtiges Anliegen im Zen. Es gibt mehrere Koan, die sich mit dem Warum intensiv auseinandersetzen.

 

Ummon said: „The world is vast and wide. Why do you put on your seven-piece robe at the sound of the bell?”[3]

 

Goso said: “A buffalo passes by the window. His head, horns, and four legs all go past. But why can’t the tail pass too?”[4]

 

Warum, wo die Welt doch so unermesslich weit ist und so unendlich viele Möglichkeiten bietet, warum, so werden die Mönche gefragt, warum legen sie beim Klang der Glocke, die zur Meditation ruft, die siebenteilige Robe an? Warum stehen wir morgens, wenn der Wecker klingelt auf? Warum machen wir beim Frühstück Marmelade und nicht Käse (oder umgekehrt) auf das Brot?

Während das erste Koan in seiner Frageintention verständlich ist, ist das zweite Koan im typischen Zen-Stil gehalten. Es gilt als eines der schwierigen Koan und ist sicherlich darauf ausgelegt, das rationale Denken an seine Grenze zu bringen, so dass ein Sprung jenseits der wortgebundenen Rationalität möglich wird. Der ganze Büffel ist schon durch das Fenster gegangen, aber der kleine Schwanz will nicht durchgehen. Warum?

Beide Koan verführen den Zen-Schüler, Antworten aus dem Bereich der Kausalität zu geben. Bei dem ersten Koan mag das noch gelingen, da die Frage rational gestellt ist. Bei dem zweiten Koan lässt sich ein sinnvoller Grund nicht finden. Wenn der Büffel durchgegangen ist, muss auch der kleiner Schwanz – nach aller Regel der Logik - durchgehen.

Dieses Warum ein für alle mal zu bewältigen, so das ein Leben ohne Warum durchbrechen kann, das ist die Herausforderung, die diese Koan an den Zen-Schüler stellen. Und im persönlichen Interview mit dem Zen-Meister soll er ihm eine Antwort bringen, die zeigt, dass er die Wirklichkeit jenseits des Warum, jenseits der horizontalen Abhängigkeiten und Verflechtungen erfasst hat, das er aus der Einheit heraus in der es keine Zeitfolge und keine Kausalität gibt wirken kann.

 

Dieses Wirken ohne Warum nimmt in den östlichen Religionen eine zentrale Stellung ein. Man findet es sowohl im Hinduismus, als auch im Taoismus und im Buddhismus.

In der Bhagavad Gita wird der weise Mensch folgendermaßen beschrieben:

 

Wer im Handeln Nichthandeln und im Nichthandeln Handeln sieht, der ist weise unter den Menschen, der hat Yoga verwirk­licht und ist der Vollzieher aller Handlungen. Wer das Hängen an den Früchten des Handelns aufgegeben hat, ständig zufrieden ist und von niemandem abhängig, der tut, obwohl er handelt, dennoch gar nichts.[5]

 

In der Aktivität Nichtaktivität sehen und umgekehrt, das ist es was Eckhart als das Leben des Menschen beschreibt, der aus seinem inneren Menschen lebt: Die Türangel bleibt in Ruhe während die Tür auf und zu geht. In aller Aktivität bleibt der Mensch in seiner Mitte unbewegt. Und auf die äußere Welt bezogen: Alle objektive Aktivität ist die Aktivität des unbewegten Bewegers, der sich in der Bewegung in Erscheinung bringt. So kann man in aller Aktivität die Nicht-Aktivität sehen. Daher kann man auch sagen, dass der Mensch, der wie das Leben ohne Warum wirkt, dennoch nichts tut. In seiner Mitte ist er immer in völliger Ruhe und dennoch ist er immer in Arbeit begriffen.

Und auch das Freisein vom Anhaften an der Frucht der Werke ist ein Thema, auf dass Eckhart immer wieder zurückkommt. Wer Gott um etwas willen sucht, der sucht Gott nicht richtig, denn er wirkt noch mit einem Warum.

 

Wenn der Mensch etwas von außerhalb seiner selbst bezieht oder nimmt, so ist das nicht recht. Man soll Gott nicht als außerhalb von einem selbst erfassen und ansehen, sondern als mein Eigen und als das, was in einem ist; zudem soll man nicht dienen noch wirken um irgendein Warum, weder um Gott noch um die eigene Ehre noch um irgend etwas, was außerhalb von einem ist, sondern einzig um dessen willen, was das eigene Sein und das eigene Leben in einem ist.[6]

 

Am prägnantesten hat der Taoismus das Leben ohne Warum beschrieben, nämlich als wei wu wei, als nichthandelndes Handeln.[7] Das Tao, der WEG, von dem Nansen und Joshu sprachen, hat dies als Kennzeichen, dass es wirkt ohne zu wirken. Ein Kennzeichen, das in der christlichen Tradition Gott zukommt als unbewegter Beweger. Gott ist dies zugleich: unbewegte Gottheit und schöpferische Aktivität. Im Tao-Te King heißt es im 37. Kapitel:

 

Das Dao ist unveränderlich und handelt nicht, und doch bleibt nichts ungetan.

Wenn die Herrschenden sich daran halten,

dann richten sich alle Dinge ganz von selbst.[8]

 

Dem nichtwirkenden Wirken des Tao zu entsprechen ist im Taoismus daher die höchste Tugend.

 

Die höchste Tugend [de] ist Wu-wei und Absichtslosigkeit [wei].[9]

Wer etwas lernt, fügt Tag für Tag etwas hinzu.

Wer das Dao erforscht, läßt Tag für Tag etwas weg.

Weniger und weniger wird getan,

bis Nicht-Handeln erreicht ist.

Wo nichts getan wird, bleibt nichts ungetan.[10]

 

Dass man sich selbst zurücknimmt und sein Gelerntes vergisst, bis man in ein Unwissen seiner selbst und aller Dinge kommt, das hören wir auch von Eckhart.

Und was ein Schüler des sechsten Patriarchen schreibt wird vor durch das Bild des unbewegten Bewegers verständlich.

 

Der Augenblick, in dem der Geist handelt, ist der Augenblick, in dem Nicht-Geist handelt. Über Namen und Er­scheinungen zu reden, ist nutzlos, doch die direkte Annäherung erreicht es leicht. Nicht-Geist ist das, was in Aktion ist; es ist das beständige Handeln, das nicht handelt.[11]

 

Dies ist letztlich eine andere Weise das zu beschreiben, was Eckhart mit Leben ohne Warum zum Ausdruck bringt. Was zuerst rätselhaft klingt, ist vor dem Hintergrund dessen, was Eckhart über den weiselosen Grund, der alles bewegt verständlich. Nicht-Geist ist der Geist, der in sich leer ist.

Dieser ledige Geist ist derjenige, der in Aktivität ist, nämlich als schöpferischer Geist, der in diesem Nun tätig ist, ohne Ziel handelnd, so dass dieser Augenblick um seiner selbst willen geschieht.

Wer Subjekt dieser Tätigkeit ist, ob Gott oder Mensch, habe ich im vorigen Satz bewusst in Ambivalenz formuliert. Letztlich fällt diese Unterscheidung im Handeln ohne Warum weg. Ebenso wie es kein vom Subjekt unterschiedenes Objekt gibt, das Empfänger einer Handlung wäre. Es ist die Einheit, die handelt und in ihr sind Geben und Nehmen eins.

 

 

 

 

 



[1] Quint 391

[2] Quint 180

[3] Mumonkan Case 16

[4] Mumonkan Case 38

[5] Loy, Nodualität Seite 158f       He who in action sees inaction and action in inaction – hi it wise among men; he is a yogin, and he has accomplishes all his work. Having abandoned attachment to the fruit of works, ever content without any kind of dependence, he does nothing though he is ever engaged in work. Loy, Nonduality Seite 105

[6] Quint 186

[7] Möglicherweise hat sich Martin Buber auf diese Idee bezogen, als er in „Ich und Du“ schrieb: „For an action of the whole being does away with all partial actions and thus also with all sensation of action (which depend entirely on the limited nature of actions) – and hence it becomes to resemble passivity. This is the action of the human being who has become whole: it has been called not-doing, for nothing particular, nothing partial is at work in man und thuis nothing of him intrudes into the world.” Loy Seite 107. Loy schreibt dazu: “This page, which describes the I-Thou relationship as “at once … passive and active”, shows the ambivalence in Buber’s approach. In order to maintain that “I-Thou” is an relationship, he must keep the relata distinct from each other and deny nonduality; but this passage, like many others, suggests nonduality.” Loy Seite 312, Anm 25

[8] Loy, Nondualität Seite 147    “The Tao is constant and wu-wei, yet nothing remains undone.

If rulers abide with it, all things reform themselves.” Loy, Nonduality Seite 97

[9]   Loy, Nondualität Seite 147   “The highest virtue (te) is wu-wei and is purposeless.” Loy, Nonduality Seite 97 – Tao Te King Chapter 38

[10] Loy, Nondualität Seite 147    To learn, one accumulates day by day. To study Tao, one reduces day by day.

Less and less is done until wu-wei is achieved. When wu-wei is done, nothing is left undone. Loy, Nonduality Seite 97 – Tao Te King Chapter 48

[11] Loy, Nondualität Seite 156    “The moment when the mind is in action is the moment at which no-mind acts. To talk about names and manifestations is useless, but a direct approach easily reaches it. No-mind is that which is in action. It is that constant action which does not act   Loy, Nonduality Seite 104