Der spirituelle Weg bei Meister Eckhart und im Zen-Buddhismus

Teil 1 - Der weglose Weg

 

Der spirituelle Weg ist ein wegloser Weg. Dies jedenfalls meinen Meister Eckhart und auch der Zen-Buddhismus. Was aber soll das sein, ein wegloser Weg?

 

Dazu zur Einstimmung eine Geschichte aus der Zen-Tradition:

 

Jôshû fragte Nansen in allem Ernst: »Was ist der WEG?« Nansen antwortete: »Der alltägliche Geist ist der WEG.« Jôshû fragte: »Soll ich mich selbst darauf ausrichten oder nicht?« Nansen sagte: »Wenn du versuchst, dich ihm zuzuwenden, wendest du dich von ihm ab.« Jôshû fragte: »Wenn ich nicht versuche, mich ihm zuzuwenden, wie kann ich wissen, daß es der WEG ist?« Nansen antwortete: »Der WEG hat nichts zu tun mit Wissen oder Nicht-Wissen. Wissen ist Illusion. Nicht-Wissen ist ohne Bewußtsein. Wenn du den zweifelsfreien, wahren WEG wirklich erlangen willst, dann werde so grenzenlos und weit wie der Weltraum. Wie kann man darüber sprechen auf der Ebene von Richtig oder Falsch?«

Bei diesen Worten war Jôshû plötzlich erleuchtet.[1]

 

Joshu fragt: „Was ist der Weg?“ Der Weg, damit meint er das Tao, also den Weg, den das ganze Universum nimmt und dem alle Dinge folgen. Christlich übersetzt hieße die Frage: Was ist Gott? Wie kann ich Gott entsprechend leben? Wie kann ich Gottes Willen tun?

Und der Meister antwortet: Der alltägliche Geist ist der Weg. Alles folgt dem Weg, nichts geschieht ohne den Willen Gottes. Und noch einmal fragt Joshu: »Soll ich mich selbst auf den WEG ausrichten oder nicht?« Soll ich versuchen den Willen Gottes zu erfüllen? Und Nansen sagte: »Wenn du versuchst, dich dem WEG zuzuwenden, wendest du dich von ihm ab.«

 

Wenn wir versuchen, so macht Joshu klar, diesem WEG, den Gott mit uns und dem ganzen Universum geht zu folgen, dann verfehlen wir diesen Weg. Wenn wir versuchen, den Willen Gottes zu tun, dann verfehlen wir es, den Willen Gottes zu tun. Das klingt wie Ketzerei. Aber damit ist etwas eminent Wichtiges angesprochen. Auch Eckhart spricht dies in aller Schärfe aus:

Wenn einer mich nun fragte, was denn aber das sei: ein armer Mensch, der nichts will, so antworte ich darauf und sage so: Solange der Mensch dies noch an sich hat, daß es sein Wille ist, den allerliebsten Willen Gottes erfüllen zu wollen, so hat ein solcher Mensch nicht die Armut, von der wir sprechen wollen; denn 25 dieser Mensch hat (noch) einen Willen, mit dem er dem Willen Gottes genügen will, und das ist nicht rechte Armut. Denn, soll der Mensch wahrhaft Armut haben, so muß er seines geschaffenen Willens so ledig sein, wie er's war, als er (noch) nicht war. Denn ich sage euch bei der ewigen Wahrheit: Solange ihr den Willen habt, den Willen 30 Gottes zu erfüllen, und Verlangen habt nach der Ewigkeit und nach Gott, solange seid ihr nicht richtig arm. Denn nur das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts begehrt.[2]

 

Unser Wille, unser Ich, das einen Weg weiß und geht, steht Gott und dem Weg, den er mit uns geht, im Weg.

 

Gott, das Tao, die Buddha-Natur oder wie wir die transzendente Wirklichkeit auch immer nennen mögen kann nicht auf einem Weg, den wir gehen, erreicht werden. Erreichen können wir Ziele und Dinge, die Teil unserer Welt sind. Aber Gott oder das Tao, sind nicht ein Teil unserer Wirklichkeit, sie sind nicht ein Teil unserer Endlichkeit. Sie übersteigen uns und unsere Wirklichkeit in jeder Weise. Daher können wir sie nicht erreichen.

Auf keinem Weg, mit keiner Methode können wir zu Gott kommen.

 

Zu Gott, so sagt Eckhart, gibt es keinen Zugang. Es gibt für uns keinen Weg, der zu einer Tür führt, durch die man in Gott eintreten würde.

 

Unter dem Licht des Himmels verstehen wir das Licht, das Gott ist, das keines Menschen Sinn zu erreichen vermag. Daher spricht Sankt Paulus: »Gott wohnt in einem Lichte, zu dem niemand zu gelangen vermag« (Tim. 6, 16). Er sagt: »Gott ist ein Licht, zu dem so es keinen Zugang gibt.« Zu Gott gibt es keinen Zugang. Wer noch im Aufgang und Zunehmen an Gnade und Licht begriffen ist, der kam noch nie in Gott. Gott ist kein zunehmendes Licht: wohl aber muß man durch Zunehmen zu ihm hingekommen sein. Im Zunehmen (an sich) sieht man Gott nicht. Soll Gott gesehen werden, so muß es in einem Lichte geschehen, das Gott selbst ist. Ein Meister sagt: In Gott gibt es kein Weniger und Mehr noch dies und das. Solange wir uns im Zugang befinden, kommen wir nicht hinein.[3]

 

Zu Gott gibt es keinen Zugang. Können wir dann nie zu Gott kommen? Eckhart spricht doch von einem Zunehmen. Durch Zunehmen muss man zu Gott kommen, sagt er. Ja, aber so lange man zunimmt, solange man auf dem Weg ist, sieht man Gott nicht.

 

Es gibt einen Weg, aber er führt nicht zu Gott. Der Weg führt vielmehr an einen Abgrund. Der Weg, den wir zu Gott gehen können, er führt in die Weglosigkeit. Zu Gott führt der Weg, den wir als geschöpflicher Mensch nehmen, nur durch eine Diskontinuität. Denn in Gott kann nichts sein, was nicht Gott selbst ist. Das geschöpfliche, so wird Eckhart nicht müde zu sagen, kann in Gott nicht bestehen. Daher kann niemand anderes als Gott selbst zu Gott kommen. Das was an uns göttlich ist, geht ein in Gott, aber das geschöpfliche Ich vergeht in diesem Hineingehen.

Und daher führt der spirituelle Weg bis an die Klippe, an der der Pilger aufgefordert ist, sich selbst hinzugeben. Alles mag er schon zurückgelassen haben. Jetzt aber muss er sich selbst zurücklassen, will er Eingang zu Gott finden. Der Zugang zu Gott ist die Vernichtung des Individuums. Wer Gott schauen will, der nimmt den (geistlichen) Tod in Kauf. So kann der Mensch zu Gott kommen, indem er mit Gott eins wird. Eine Einswerdung allerdings, in der er verlöscht, in der er sich ins göttliche Nichts hinein auflöst.

 

Im Zen spricht man vom Großen Tod, durch den alles verwandelt wird und der in das Große Leben mündet.

 

Stirb, während du lebst, und sei vollkommen tot.

Dann tue, was immer du willst – alles ist gut.      Shido Bunan

 

Und im Islam ist dieses Verlöschen des Ich, das die Voraussetzung der Vereinigung mit dem Absoluten ist, von Rumi in klassischer und poetischer Weise beschrieben worden.

 

Es klopfte einer an des Freundes Tor.

»Wer bist du, sprach der Freund, der steht davor?«

Er sagte: »Ich!« Sprach der: »So heb dich fort -

An diesem Tisch ist nicht der Rohen Ort!«

Den Rohen kocht das Feuer »Trennungsleid« -

Das ist's, was ihn von Heuchelei befreit!

Der Arme ging auf Reisen für ein Jahr,

In Trennungsfunken brannt' er ganz und gar.

Reif kam dann der Verbrannte von der Reise,

Daß wieder er des Freundes Haus umkreise.

Er klopft' ans Tor mit hunderterlei Acht,

Daß ihm entschlüpf kein Wörtlein unbedacht.

Es rief der Freund: »Wer steht dort vor dem Tor?«

Er sagte: »Du, Geliebter, stehst davor!«

»Nun, da du ich bist, komm, o Ich, herein

-Zwei Ich schließt dieses enge Haus nicht ein!«

 

Wir kennen ja auch das Bild von der Motte, die um das Licht kreist, bis sie sich in das Licht stürzt. Ein Bild aus der Sufi-Mystik; das Therese von Avila aufgenommen hat.

 

Und bei Eckhart heißt es:

 

„Du sollst ihn (Gott) lieben, wie er ist ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild, mehr noch: wie er ein lauteres, reines, klares Eines ist, abgesondert von aller Zweiheit. Und in diesem Einen sollen wir ewig versinken vom Etwas zum Nichts.“[4]

 

Zu Gott gibt es keinen Zugang, weil Gott mir nicht auf der Ebene meines normalen Personseins als Gegenüber begegnen kann. Gott wäre dann begrenzt und wäre also nicht mehr Gott. Und dennoch kann ich Gott erkennen, nämlich indem ich mit Gott eins werde und ihn so erkenne, wie er sich selbst in sich erkennt. Das jedenfalls meint Eckhart, wenn er sagt: Das Auge, in dem ich Gott sehe, das ist dasselbe Auge, darin mich Gott sieht; mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge und ein Sehen und ein Erkennen und ein Lieben. [5]

 

Wenn man also von einem spirituellen Weg bei Eckhart spricht, dann müsste man von einem weglosen Weg sprechen. Und genau dies tut Eckhart.

 

Der zweite Weg ist ein wegloser Weg, frei und doch gebunden, wo man willen- und bildlos über sich und alle Dinge weithin erhaben und entrückt ist, wiewohl es doch noch keinen wesenhaften Bestand hat.“[6]

 

Und ähnlich fordert Eckhart in dem Lied vom Senfkorn auf: „Geh ohne Weg den schmalen Steg.“[7]

 

 

Darin sind sich also Meister Eckhart und der Zen-Buddhismus einig. Wir können von uns aus nichts tun, um zu Gott zu kommen bzw. um eins mit dem WEG zu werden. Wenn wir etwas tun, dann entfernen wir uns von Gott, bzw. vom WEG. Damit befinden wir uns in einer paradoxen Situation. Denn damit ist nicht gemeint, dass wir darauf verzichten sollen, einen spirituellen Weg zu gehen. Natürlich sollen wir uns im Zunehmen zu Gott befinden. Natürlich hat der gleiche Zen-Meister, der gesagt hat, dass man den Weg verfehlt, wen man sich ihm zuwendet, seine Mönche zu Meditation angehalten. Auf eine geistliche Übung soll nicht verzichtet werden. Aber diese Übung hat nun gerade zum Ziel, dass wir alles Erreichenwollen eines Zieles aufgeben. Nicht wir müssen etwas erreichen, sondern wir müssen vielmehr das erkennen, was schon da ist. Im Zen sagt man, das jeder schon ein Buddha ist. Man kann kein Buddha werden. Man kann die Erleuchtung nicht erlangen. Es ist schon da. Und was schon da ist, kann durch unsere Anstrengung nicht erreicht werden. Das klingt sehr christlich. Durch kein Werk, durch keine Anstrengung kann ich mir die Erlösung verdienen. Du bist schon erlöst, sagt uns das Christentum. Wir sind schon Gottes Kinder, wir können es nicht werden. Wir sind es von allem Anfang an. Und Gottes Gegenwart, sein Reich können wir nicht erreichen, weil Gott schon da ist. In der spirituellen Praxis kommt es also nicht darauf an, dass wir etwas erreichen, dass wir etwas erschaffen, sondern dass wir dessen innewerden, was schon da ist. Bestenfalls würde es darum gehen, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Und das Hindernis ist unser Erreichenwollen, unser Habenwollen, unser schon wissen. Das Hindernis ist unser Ichsein gegenüber Gott. Es ist mit Martin Luther gesprochen unser Unvermögen, Gott Gott sein zu lassen.

 

Soweit ein erster Gedankengang, in dem es um die paradoxe Einheit einerseits der Unmöglichkeit eines spirituellen Weges geht und andererseits um die Notwendigkeit ihn zu gehen. Und ich hoffe, dass ich deutlich machen konnte, dass Meister Eckhart und die Zen-Tradition sich in dieser Frage in einer erstaunlichen Übereinstimmung befinden.



[1] Mumonkan, Zen-Meister Mumons Koan-Sammlung = Die torlose Schranke, neu übertragen und Kommentiert von Koun Yamada - Fall 19 Alltag ist der Weg, Seite 114

[2] Quint 304

[3] Q328/9

[4] Quint 355

[5] Quint 216

[6]  Quint 284

[7] Granum Sinapis – zu finden bei G. Ruh, Meister Eckhart